Verwirbeln in Kreuzberg, vom Kottbusser Damm kommend ins Kottbusser Tor, die Menschenzentrifuge, die die Masseteilchen trennt. Erst müssen alle hinein, da ist dieser Sog. Vom Damm wird nachgeschoben, nur die Ampel vorm Kreisverkehr bringt den Fahrzeugtroß zum Stoppen. Kinderkarren queren, Fahrzeuge aus Mitte stoßen von links ins infarkte Herz von SO36. Rechts kommen die aus Friedrichshain und Treptow und kurven sich in Schlangenlinien durch, mühsam Linie haltend. Wir haben Fußgängergrün, ich stehe mit einer Gruppe türkischer SPD-Anhängerinnen an der Ampel, sie lachen laut und zeigen Zuversicht, haben Flyer in der Hand, die sie gleich verteilen wollen. Wer wählt wen? Die Junkies sind da, die Punks sind da, die Nordafrikaner sind da, alle in Gruppen und nach Zugehörigkeit. Die Freßstände stehen im Viertelkreis um den Platz, vorm Kiosk sitzt das Lumpenproletariat und diskutiert die Bierpreise. Tabak auch immer teurer, das ist kein Leben mehr, das ist nur noch Existenz, spuckt einer aus. Haste recht, sagt die Gepiercte im Schottenröckchen mit Kette vom Nasenflügel zum Ohrläppchen oder umgekehrt, verdammte Scheiße. Mit uns können s’es ja machn, wa? mischt sich ein alter Berber ein. Ich bin schon weiter und denke darüber nach, wer mit wem was machen kann. Die Hochbahn rattert über alles hinweg. Im Torbogen stützt sich einer gegen die Betonwand, ihm läuft Blut aus der Nase. Ist der Streß, sagt er seiner Freundin, einfach zu viel die letzten Tage. Ein behelmter Ritter mit schwarzem Tuch vor dem Gesicht und dunkler Sonnenbrille reitet breitbeinig auf seiner Harley ein, überholt lässig den BVG-Bus, der seine Vorfahrt der Vernunft erzwingt und in den Verkehr stößt wie in ein Krisengebiet. Kichernde Mädchen in Lauf- oder Stehgruppen, essende Menschen in Sitzgruppen, skatende Punks in Rollgruppen (alle lachen, die Typen sind total breit). Die Schnittblumen stehen im Weg, die Wahlplakate hängen im Weg, wir wollen über die Oranienstraße, aber ein Transporter steht im Weg. Die Ampel zeigt Grün, ich warte, daß jemand gegen das Blech donnert, tut aber keiner. Die Oranienstraße wie stets – ein Basar, ein Schneise, ein verstopftes Gefäß, durch das sich quält, wer anders kann. Im Antiquariat ist es ruhig, als gäbe es kein Draußen. Da stehen die Dichter alphabetisch und haben mehr Zeit.
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