Eintrag 1501: Blindfischen

Wenn man einen Text nicht lesen kann, kann ich als Autor manchmal nicht helfen. Leider. Es gibt mehrere Arten von Texten, viele sogar. Einige sind für jedermann, man könnte auch sagen: für Anfänger. In ihnen ist ein jegliches so, wie es erscheint. Andere sind für Fortgeschrittene. Fortgeschritten sind Leute, die sich tiefer und weiter in den Kosmos des geschriebenen Wortes gewagt haben und bereits verstehen, daß der Erzähler eines Textes nicht der Autor ist, daß ein Motiv zwar erkennbar, sich aber von außen nach innen wendet, daß es Rezepturen für alles Mögliche gibt. Eingeweiht sind jene, die verstanden haben, daß die Formen und Formate nur Vorwände sind, um Entscheidendes zu verbergen: das erschreckende und gähnende Nichts hinter allen Entwürfen und Verwirklichungen – daß wir demnach ein Problem haben und insofern suchen müssen, nicht nach einer Lösung, aber nach einer jeweiligen Überbrückung, denn unter uns befindet sich dieses unerträgliche Nichts, über das wir weiter müssen, der Zukunft und Ordnung halber (sonst könnten wir es auch lassen). Das haben nicht wir, die wir leben, bestimmt, sondern es ist uns bestimmt, und zwar dadurch, daß wir leben, also fortführen, weiterführen, wegführen oder gar nicht führen. In der langen spiraligen Anordnung von Weitergabe und Verlust kommt es auch auf die Gewinne an, sie überraschen. Zwar fallen beim Staffellauf vereinzelt die Stäbe zu Boden, doch werden sie von den Nachfolgenden aufgehoben. Wenig geht verloren, die Überlieferung ist nahezu komplett. Nur der Sinn kommt abhanden, ganz allmählich, schleichend, und eines Tages ist er fort wie für immer. Daher die echten Abgründe, fast ohne Landschaft, aber tödlich.


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