Scheinakazie

Wir sind eine Ansammlung an diesem Tag, zufällig sortiert, die Sonne scheint, ich sitze am Fenster und fühle mich von ihr aufgeladen, überhitzt. Dann gibt es ein Geräusch, ein leises Vibirieren, schließlich steht der Zug. Mir gegenüber eine grauhaarige Dame, vermutlich Lehrerin. Neben ihr eine Fahrradfahrerin mit Fahrrad vor sich, unabhängig und freiheitsliebend. Neben mir ein Abiturient, Stöpsel im Ohr, Smartphone, verschlossen, aber freundlich. Durchsage: Baum auf den Schienen, Getriebeschaden, Feuerwehreinsatz, warten. Erste Bemerkungen, Sorgen äußern, Humor beweisen, Vertrauen herstellen (wir sind gemeinsam Gefangene der Situation). Erneute Durchsage, wir lernen uns kennen. Die Grauhaarige wird dringend erwartet, sie soll auf ihr Enkelkind aufpassen, denn die Tochter (Rechtsanwältin) hat einen Termin. Die Unabhängige mit dem Fahrrad muß zur Spätschicht, weiter hinten im Zug sitzt eine Kollegin von ihr, die ebenfalls zu spät kommen wird. Die Frühschicht muß ausharren, bis der Zug wieder fährt. Eine Schülerin tritt hinzu, sie hat wenige Sitze weiter gesessen, kennt die Krankenschwester mit dem Fahrrad von einem Praktikum, das sie auf der Station absolvierte, wenige Wochen her, vor den Sommerferien. Das Mobiltelephon der Grauhaarigen ist dummerweise seit ein paar Tagen defekt, „ausgerechnet jetzt“, sagt sie und kann noch nicht begreifen, daß sie nichts tun kann, daß die S-Bahn steht wegen eines Baumstamms auf dem Gleis. Die Schülerin kichert und sagt zu der Schwester: „Das ist ja was, hier im Zug, so ein Zufall, und ich habe mir heute in der Schule noch ein Abenteuer gewünscht, weil es so langweilig war.“ Die Grauhaarige versucht Kontakt zu dem Abiturienten aufzunehmen, denn der hat als einziger Internetanschluß und könnte eine Mail versenden, wenn er nur aufschaute von seinem Gerät. „Ich warte, irgendwann wird er schon gucken“, sagt die Lehrerin. Tatsächlich hebt er einmal den Blick, Minuten später, aber immerhin, und sie fragt ihn, ob es möglich sei, daß er … Es ist möglich, klar, kein Problem, der Abiturient ist schnell im Kopf und hilft, gibt die Adresse ein und schickt die gewünschte Nachricht an die Tochter, die ihr Kind von der Mutter beaufsichtigen lassen möchte wegen eines Termins. Ein Polizist steigt in den Waggon, dann ein Feuerwehrmann, ob jemand verletzt sei. Nein, niemand. Der Feuerwehrmann erklärt, daß wir evakuiert werden und wie das vonstatten gehen wird. Die Schülerin sagt, daß eine Freundin sich vor kurzem das Leben genommen habe, indem sie sich vor einen Regionalzug warf. Sie nennt mir die Nummer des Zuges und seinen Zielbahnhof. „Ich darf das gar nicht erzählen“, sagt sie, „mir ist sofort wieder schlecht.“ Nach gut einer Stunde und großem Auf und Ab von Feuerwehrleuten, Polizisten und Vertretern der Deutschen Bahn werden wir Waggon für Waggon über Leitern auf das Gleisbett gelassen und in Zehnertrupps zu einer Tür im Begrenzungszaun der Gleisanlage geführt. Durch sie gelangen wir auf die Straße. Ich führe die Grauhaarige, denn sie ist etwas wacklig und unsicher auf den Beinen. Wir sprechen darüber, wie sie Kontakt zu ihrer Tochter herstellen kann, nun, nachdem sie aus dem Zug ist und zu ihr und dem Kleinkind kann, mit dem Bus oder dem Taxi. Die Krankenschwester hat den Namen des Baums, der auf den Schienen liegt, gewußt: „Scheinakazie, weil echte Akazien hier doch gar nicht wachsen.“


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