Synopsis needed

Es ist nicht völlig falsch, die Sieger und die Erfolgreichen zu befragen, wie die Sache gelaufen ist, nur recht einseitig und oftmals wenig erhellend. Sie werden ihren Text aufzusagen wissen: alles aus eigener Leistung, hart erarbeitet, wirklich verdient und so weiter. Wer wird es ihnen verübeln? Manchmal ist noch von ‚glücklichen Umständen‘ die Rede, immerhin. Alles in allem gilt: Geht die Sache gut, ist sie es. Man kann die Verlierer fragen, die Abgeschlagenen, die Opfer. Sie erzählen andere Geschichten, und die handeln ebenfalls von den Umständen, nur daß sie sich auf dieser Seite des Ausgangs als Unglück ausmünzten.

Das führt zu einer Frage, die mich seit längerem beschäftigt: ob nämlich die Texte, die wir geliefert bekommen und lesen, selber schreiben oder nicht lesen, zu den Vorgängen passen, auf die sie sich beziehen. Es heißt, die Sieger schreiben Geschichte, denn der endgültige Sieg ist erst errungen, wenn die Deutungshoheit über die umstrittenen Ereignisse und Entscheidungen hergestellt ist. Naiverweise scheinen die Unterlegenen anzunehmen, daß ihre eigene Version die bessere ist – und spiegeln damit die Einseitigkeit ihrer erfolgreichen Widersacher.

Eine Synopsis tut not, doch wer ist unvoreingenommen genug, sie hinzubekommen, und beteiligt genug, sie auf sich zu nehmen? Deshalb braucht es Jahrzehnte, nein: Jahrhunderte, bis ein Geschichtsbild halbwegs stillsteht und etwas gilt. Selbst dann drohen neuerliche Erschütterungen. Vergangenheit ist das größte Projekt der Lebenden, dagegen verblaßt die bildarme Zukunft und ähnelt mehr einem Gespenst.


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