„Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn“, eine Schopenhauer-Paraphrase von Jorge Luis Borges. Diese Aneignung mag ich sehr. Allerdings möchte ich mich interessieren können für das, was in dem Kopf eines anderen vor sich geht, und nicht abgestoßen sein, angewidert oder bloß gelangweilt. Verstören lasse ich mich gern – das rüttelt wach und weckt die Neugier. Später dringe ich vor zur Substanz des fremden Denkens, mache ihre Voraussetzungen ausfindig, erkenne die Setzungen. Endlich erblicke ich die Manöver des tätigen Verstandes, den Träger jenes Bewußtseins, um das ich mich lesend und erobernd bemühe, zu schützen und abzuschirmen gegen den heftigen Andrang der Einschläge, die ständig auf den wachen Geist und die empfindsame Seele einschlagen. Persönliches Bewußtsein gleicht mal einem Handelshaus, anderentags einer Festung, nächstens einer Spelunke. Dort ist ständiger Verkehr, Ein- und Ausgang, registriert und unkontrolliert, beides zu gleicher Zeit. Vielleicht gibt es kein eigenes Denken, nur stellvertretendes. Doch das macht nichts, ich nehme mit dem stellvertretenden Denken gerne Vorlieb, kann sich doch niemand mehr erinnern, wann das originale ausgegeben wurde und von wem. Selbst das epigonale Denken kann amüsieren, führt es doch dorthin zum Fluß, wo die Furt garantiert ungefährlich ist. Der Fluß: reißender Strom des Lebens: ich hier – du dort. Borges las sehr viel, mit den Augen nach innen.
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