Vorortbahn. „Mögen Sie es nicht, wenn ich vor Ihnen stehe?“ fragte die Ältere mit dem schönen Gesicht einer erfahrenen und gütigen Frau. Ihre Freundin oder Verwandte war jünger, hatte die langen Haare violett gefärbt und schob einen Kinderwagen in den Waggon; das Kind darin schlief. Sie wollte mit dem Wagen nicht im Eingangsbereich stehen, deshalb wechselte ich meinen Stehplatz und erklärte dies auch. „Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen“, sagte die Ältere und bedankte sich. Über das Wort ‚liebenswürdig‘ dachte ich nach bis zur nächsten Station, und wie es abzugrenzen ist zu ‚liebenswert‘. Offenbar Abstufungen der Intimität: der eine wäre würdig, der andere ist es wert. Das ist in die Sprache des guten Umgangs eingegangen, hat sich verallgemeinert und insofern entwertet. Liebenswürdig ist nun bereits jemand wie ich, der seinen Stehplatz wechselt und versucht, nichts oder möglichst wenig von dem Gespräch aufzunehmen, das die beiden zu führen hatten oder führen wollten. Das Kind lag im Wagen und schlief. Ich trage keine Kopfhörer, ich stecke mir nichts in die Ohren, ich kann hören. Sie sprachen über das Muttersein, und die Ältere oder Alte sagte: Ich habe das früher nicht verstanden, als ich jung war und Mutter wurde, aber es ist eine sehr anspruchsvolle und, wenn man es nur versteht, erfüllende Aufgabe, Kinder zu haben, zu begleiten und auf einen guten Weg zu bringen. Während sie das sagte (anschließend sprachen sie über den Ehemann der Jüngeren und dessen Eigenheiten), dachte ich an meine Mutter und daran, daß wir alle aus Müttern herausgekommen sind, die ebenfalls eigene Ideen und Pläne hatten und sich dann damit abfanden oder es begrüßten, sich um ein Kind oder um Kinder zu kümmern, die klein sind und ahnungslos, hilflos und bedürftig, die der Hilfe, Pflege, Liebe und Obacht bedürfen, damit sie eines ferneren Tages nicht nur laufen lernen, sondern Richtungen erkennen, Entfernungen abschätzen und eigene Ziele ausmachen. Wie pragmatisch diese beiden Frauen sprachen, Großmutter und Mutter, eng beieinander am Wagen mit dem schlafenden Kind, verbunden zu Frage und Antwort, dabei waren sie nicht blutsverwandt, sondern befreundet, das bekam ich mit, so weit fort führten mich meine Gedanken nicht. Sie waren schön dort so zu dritt und halb hilflos, wegen der offenen Zukunft und dem, was niemand wissen kann.
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