Komplott der Mißhandelten

Wenn auch wir eingezogen, schüchtern und verängstigt herumstehen, verschlossen wirken wie ein Aktenschrank, die Lippen zusammengepreßt und die Stirn in Falten gelegt, als sei schon wieder etwas zu bemängeln, wenn auch wir von oben herab auf das Leben schauen, als sei es etwas zu Bewertendes und zu Benotendes, wenn auch wir zurückzucken, sobald im öffentlichen Raum eine menschliche Regung stattfindet, jemand uns um etwas bittet oder nach etwas fragt – wenn wir das tun (ich selbst tue es zuweilen, eingewöhnt wie ich bin in diese Taktik des Stillstands und Nichtauffallens), wenn auch wir das tun, bestätigen und vervielfältigen wir die Kultur des Abstands und der permanenten Kälte, sind wir Teil eines Komplotts gegen Freundlichkeit und Freiheit. Es muß einst ersonnen worden sein, in irgendeiner fernen Zeit, aus irgendeinem Impuls heraus, vielleicht schien die Sonne zu selten, vielleicht mißverstand man die Religion, vielleicht waren die Menschen einander ärgerlich … Wer weiß schon, wie Mentalitäten geschichtet und umgeschichtet werden. Auf das Angenehme und Leichte verstehen wir uns hierzulande nicht sehr gut. Freundlichkeit wird als Schwäche ausgedeutet, so tief unten kann man sein. In meinem ersten Gedicht, das nicht ganz mißlungen war, schrieb ich von einem Leben im Tiefkühlfach, alles ewig haltbar, und nannte es Schatten.


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