Begegnung mit dem Tod

Daß ich dem Tod zugesellt wurde als sein vertrauter Beobachter, als sein Todfeind – das weiß ich seit meiner Geburt, auch wenn ich es damals nicht wußte, nur gezeigt bekam und spürte.

Kürzlich lag ich in der warmen Badewanne und wußte aufs bestimmteste, daß es schön war im Bauchraum damals vor dem Rausschmiß. Die Temperatur stimmte, die Lichtverhältnisse waren geschmackvoll interessant, es gluckerte in den Kammern, Kanälen und Windungen und strömte in den Blutbahnen, aber ich saß oder lag oder kauerte geborgen und gemütlich in meiner Kammer und hatte einzig die Aufgabe, in Ruhe zu wachsen und meine Zellteilungen zu absolvieren.

Dann muß irgendetwas Gräßliches geschehen sein, denn ich wurde zusammengepreßt von allen Seiten und unter Krämpfen und Schlägen durch einen sehr engen Kanal ins Freie befördert und landete draußen in der grellen Kälte einer Geburtsstation, die einem Schlachthof gleicht, halbtot sicher, zu schwach und zu klein für Normalität und das Schnell zur Mutter, zum Herzschlag, zur Brust. Zwei Wochen hielten sie mich in Wärmeverwahrung, dann endlich war ich stark genug und durfte ins Leben.

Ich werde es stets verteidigen gegen seine Verächter, gegenüber jenen, die glauben, es sei selbstverständlich oder normal. Der Tod wartet am unvorhergesehenen Ort, erscheint zur unvorhersehbaren Zeit, erledigt sein Geschäft emotionslos, schnell und diskret. Ich bin ihm entronnen damals, doch die Begegnung kann ich nicht vergessen, auch wenn ich mich nicht an sie erinnern kann. Ich stümpere mir nur zusammen, was ich spüre. Das mag unbefriedigend sein, doch ist es besser als nichts.


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