Der Wärmetod ist ein langes grausames Sterben im Krieg gegen sich selbst

Das Reihenhaus als Sozialisationsort. Abstecher dorthin mit Tocotronic, das neue Album Die Unendlichkeit wird als ihr bisher bestes gerühmt. Dabei wußten wir vorher schon Bescheid: Die Folter endet nie, Eure Liebe tötet mich, Ein leiser Hauch von Terror (2010) oder Die Erwachsenen von 2015: „Wir sind Babys, sie verstehen uns nicht. Wir sind Babys, wir spucken ihnen ins Gesicht“. Oder Harmonie ist eine Strategie (2007) oder Pure Vernunft darf niemals siegen (2005) oder Alles wird in Flammen stehen (2002). Dazu das gesamte Frühwerk, zusammengezimmert aus Trotz und Witz, Unverstandensein und Einsamkeit.

Eine Jugend in Deutschland-West, Komfortzone biederer oder aufgeklärt-kritischer Bürgerlichkeit, „hier gibt es keine Angst, ein ganzes Leben lang“ (Keine Angst für niemand). Ja, selbstverständlich auch: Michael Ende, du hast mein Leben zerstört: „Ein Lied mehr zur Lage der Nation und zur Degeneration meiner Generation“. Samstag ist Selbstmord. Punk muß helfen, paar Jahre lang, so wie früher der Rock’n’Roll. Entsetzliche Traurigkeit als ständige Begleitung, Wissen macht melancholisch. Intelligenz durchschaut den faulen Zauber des Behütetseins. Tolerante Eltern, gegen die man nicht mehr kämpfen kann. Sie tun ja bereits alles für die Kinder und treiben sie damit in endlose Dankes- und Liebespflicht. Gefühle sind Gewalt. Narzißmus, Grausamkeit, Selbsthaß.

Die Achtundsechziger sprachen von der ‚repressiven Toleranz‘ des scheißliberalen Establishments und gehörten wenig später dazu; die Tocotronicer (Jahrgänge 1970/71) könnten als deren erste Kinder durchgehen. Ich verabscheue Euch wegen Eurer Kleinkunst zutiefst. Opfer und Zeugen zugleich, Chronisten antiautoritärer Wunschkindsozialisation, ausgestattet mit allem, was man sich leisten kann. Nicht nur davon gehört, selbst erlebt und erlitten. Ein Leiden, das niemals Anerkennung erfahren kann. Trotzgestalten, die erschreckt sind über die bodenlose Wut, die in ihnen wütet, wenn auch nicht grundlos. Auf diese Weise enden Kindheit und Jugend niemals, das klein-große ‚Thema Ich‘ bringt sich nicht unter, nicht mal mit den Jahren. Es bringt sich bestenfalls um. „Und ihr demonstriert Verbrüderung“.

Ich weiß noch, wie schön ich lachen konnte, als ich meine erste Tocotronic-CD geschenkt bekam, es war Wir kommen ums uns zu beschweren. Ich begriff die sechs oder sieben Jahre, die mich von diesen intelligenten und sensiblen Babymännern in ihren traurig-bunten Sportjacken trennten, doch es war nicht Abstand der Zeit allein, es war auch Abstand von Lebenswelt und Erfahrung. Als Kind wäre ich gern Reihenhauskind gewesen, ohne Bauernhof und Arbeit, verwöhnt, bebrütet und bewärmt. Den ganzen Tag nur spielen, bißchen Schule und Pubertät überstehen, anschließend weiterspielen: mit Menschen und Dingen und mit sich selbst. Nur daß man sich niemals wird ernstnehmen können. Daher ja auch diese habituell gewordene und alles verschlingende Ironie, Distanzgeste großer Hilflosigkeit.

Zur Erlösung von Unsicherheit und Selbstverachtung gab es früher dann meistens einen mörderischen Krieg, veranstaltet von den Alten für die Jungen, damit die zornigen Männer sich nicht mehr langweilen müssen und jene Selbstbeweise bekommen, nach denen sie sich in Wahrheit sehnen. Im Krieg konnte man sterben (der schnelle Tod) oder aus ihm schwerverletzt davonkommen. (Aufgabe: den Jungen zeigen, daß ein Krieg schlimm ist und böse.) Im Krieg gab es echte Feinde, nicht nur die erdachten. „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein, ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein, möcht‘ mich auf euch verlassen können“. Dieses Lied singt auch Simon Strauß in seinem diskutierten Buch Sieben Nächte. Auch er sehnt sich nach Gruppenzugehörigkeit und Zusammenhalt. Männer sind Krieger oder möchten es sein. Gebt den Genen schuld, denen macht das nichts.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Der Wärmetod ist ein langes grausames Sterben im Krieg gegen sich selbst

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert