„Was immer einem verwirklichten Leben ähnlich sehen könnte, ist heute äußerst selten – seltener als Radium, hat jemand gesagt. Keine unserer Institutionen ist dafür zuständig; und was in unserer Gesellschaft als Kultur gilt, dreht sich um eine bloße Karikatur davon. Selbst der Kopf des Individuums, ansonsten noch am ehesten offen für weite Räume, ist dermaßen von Persönlichem in Beschlag genommen, so mit Institutionellem beschäftigt, so mit kulturellem Konfekt überfüttert, daß, wenn überhaupt einmal eine leise Ahnung in ihm aufkommt, was ein verwirklichtes Leben sein könnte, diese Ahnung nicht länger anhält als die kürzeste Begegnung (mit einem Menschen, einem Gegenstand, einem Satz) oder das Schlaglicht eines Traums. Es gibt Menschen, die einen Hauch von Befriedigung darin finden, daß sie in kulturellen Institutionen oder Strukturen eine führende Position innehaben, in der sie (oft sich als Dienende gebärdend), über ihresgleichen herrschen können. Sie sind die uninteressantesten, wenngleich ‚wichtigsten‘ Glieder in jeder Gemeinschaft. Andere lassen sich von den herrschenden Zuständen so fertigmachen und bedrücken, daß sie überhaupt nicht mehr an eine ‚Verwirklichung‘ denken können und nur noch Erleichterung suchen. Wieder andere reagieren mit individueller Revolte oder gesellschaftlicher Revolution. Doch die individuelle Revolte führt oft nicht sehr weit, und die sozialrevolutionäre Bewegung hat die Tendenz, sich so zu institutionalisieren, daß sie sehr bald in jeder Hinsicht genauso repressiv ist wie ihr Gegner. Selbst wenn sie erfolgreich ist, so sieht, will es uns scheinen, bald alles aus, als hätte nur ein Mißstand den anderen abgelöst.“
Kenneth White: Das weiße Land. Essays über eine geistige Wanderung (1982)
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