Aus dem Zusammenhang 45

„Wenn es nur zwei oppositionelle Parteilisten und in jedem Direktwahlkreis nur einen Oppositionskandidaten gegeben hätte, hätte man Orbán besiegen können. Stattdessen hat die Opposition über ihre ideologischen Unterschiede diskutiert. Wenn ihre Anführer erst einmal im Gefängnis sitzen, dann können sie sich ihre ideologischen Unterschiede gegenseitig durch die Mauern zuklopfen.“

„Der ‚Orbánismus‘ ist ein extremer Typ der verschiedenen politischen Gebilde, die die moderne Massengesellschaft erzeugt hat. Eine Tyrannei, die alle vier Jahre in Wahlen abgesegnet wird. Sie stützt sich auf eine reich gewordene Klientel, deren Loyalität erkauft ist. Ihre Massenwirkung entfaltet sie durch ihre extremistische Ideologie. Deren Elemente sind ein rassistischer Nationalismus, Feindbildproduktion, die Erzeugung eines Bedrohungsgefühls, der permanente Kampf gegen etwas oder jemanden, der Ungarn vernichten will, wobei Orbán der Beschützer und Retter ist. Die Seele des Volkes wird mit Hass und Furcht vergiftet.“

„Ungarn ist für Orbán inzwischen zu eng geworden, er denkt in großen Dimensionen. Er möchte ein Führer in der europäischen Politik werden. Das schien vor zehn Jahren noch absurd, heute ist es das nicht mehr. Der ‚Orbánismus‘ ist ein sich schnell ausbreitender, gefährlicher Virus, an dem nicht nur die ungarische Freiheit, sondern auch alles, was die europäische Aufklärung ausmacht, sterben kann. Ich kann nur sagen: Achtung, Europa!“

Ágnes Heller im Interview mit Spiegel Online


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