Geschichte studieren 2

Als wir im Seminarraum des Philosophenturms in Hamburg saßen, Proseminaristen, Tischnachbarn und neu im 40.000-Frau-und-Mann-Getriebe namens Universität, wurden wir gefragt, weshalb wir uns für ein Studium der Geschichtswissenschaften entschieden hätten. Es gab auch Antworten aus unserem Kreis, wir waren viele, einige mußten stehen; zwei oder drei Kommilitonen gaben kund, sie wollten lernen, aus der Geschichte zu lernen. Wie das funktionieren solle, fragte der Dozent, ein freundlicher Historiker mittleren Alters, der sich vorrangig mit Kolonialgeschichte beschäftigte und dafür warb, die eurozentrische Blickverengung zu überwinden und sich „hinauszutrauen in die Welt“. Ich traute mich aufzuzeigen, wurde aufgerufen und sagte, mich interessierten die Geschichten, die in der Geschichte enthalten seien. Das erfreute den Dozenten, ich erkannte das an seinem Blick, denn er merkte auf. Geholfen hat mir dieser Einstieg nicht. Ich sollte oder wollte die kommenden Jahre einfach nicht lernen, pragmatisch zu sein. Es ging mir „wider die Natur“, wie man früher sagte. Ich hielt die Universität für etwas Großes, fast schon Heiliges – obwohl ich wußte und bemerkte, wie es dort tatsächlich zuging. Ich erlebte meine eigene und innere Universität viel stärker als die äußere. Jene war mir wert, diese irgendwann lästig. Die Universität als „Kirche der Vernunft“, so beschrieb sie Robert M. Pirsig in seinem berühmten Reise- und Romanessay.


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