Im Sogenannten

Seit ein paar Tagen möchte ich aus der Minima Moralia zitieren, kann mich aber nicht entscheiden, welche Passagen ich in diese Seiten hineintrage. Zudem frage ich mich, warum das Werk erst jetzt derart stark bei mir einschlägt. Ich habe über die Jahre immer mal wieder darin gelesen, meist zustimmend, zuweilen erstaunt. Aber erst jetzt ist mir, als begriffe ich in vollem Umfang, was dem Autor mit dieser Gedankensammlung gelungen ist, auch was er intendiert haben mag. Eine Schule des aufmerkenden Sehens, Hörens und Verstehens, der Deutung zivilisatorischer, sozio-ökonomischer und ästhetischer Phänomene, eine Vorausschau künftiger Schrecken. Eine Kultur ist zugrunde gegangen, kaum jemand scheint es bemerkt zu haben, zu bemerken. Stattdessen dumpfer Optimismus. (Die Konservativen führen Titel ins Feld, die es nicht mehr gibt, an deren Beseitigung sie aber fleißig mitgearbeitet haben. Die Progressiven wissen nicht wohin, reden unentwegt vom Fortschritt.) Die Inhalte werden vom Betrieb verschluckt, oder mit den Worten Adornos: „die Mittel vernichten den Zweck“. Wir leben inmitten solcher Zustände und fragen noch, warum wir leiden. Unterschwellig, perfide, witzlos. Ein leiser und schleichernder Tod, über ein ganzes sogenanntes Leben verteilt. Wir leben im Sogenannten.


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