Ich höre die Geschichte eines Sohnes, der seinen Vater verlieren wird, denn der Vater liegt in einer Klinik und stirbt nächster Tage oder Wochen. Die Ärzte wissen das, die Familie weiß das, die Freunde. Der Sohn lebt in anderer Drift, hat verschiedene Drogen ausprobiert und für wirksam befunden. Er ist zu jung, um verloren gegeben zu werden. Die Mutter erreicht ihn nicht, er wollte zunehmend nur mehr zum Vater. Die Eltern leben getrennt und sind es auch. Der Junge ist nicht verloren, denn er sucht. Leider an falscher Stelle.
Was vergessen wurde: leben ist gefährlich und Leben jederzeit gefährdet. Es gibt keine Garantie. Das vergessen gemacht zu ist eine der verführerischsten und zugleich schädlichsten Errungenschaften der Zivilisation. Im Klima von Wohlstand und Wachstum, in einer Treibhausatmosphäre von Komfort und fortwährender Bebrütung gerät außer Acht, daß ein individuelles Leben auf Widerstand und Selbstbehauptung angewiesen und ausgelegt ist.
Individuelles Leben muß in den Kampf und bedroht werden, um auf diese Weise zu lernen und zu wachsen, stark zu werden und sanft erneut. Endlich einmal, irgendwann, irgendwie – nach so vielen Arrangements für sein Wohl und Bestes, sein Gedeihen und Werden und Wachsen und Aufsteigen innerhalb eines gesicherten Settings von lauter Beratern und Steigbügelhaltern und Ausputzern im letzten Moment.
Aber selbst ein Leben führen, aus eigener Kraft und eigenem Antrieb? Welches Leben denn, wessen Leben übrigens? Bisher wurde doch alles vorgegeben.
Die Komfortzone zu verlassen ist nicht einfach. Manche wählen die Drogen, andere die Waffen, nur um endlich hinauszudürfen in etwas, das sich ungesichert und gefährlich genug anfühlt wie jenes Andere und Wesentliche. Vor diesem Wesentlichen (der Bewährung) stellten sie sich auf wie eine Mauer — sie, die Erzieher und Sachwalter, die Fachverständigen für Aufzucht und Bebrütung und ewiges Gedeihen einer ungefährdeten Zukunft der Jugend. Das ist gut gemeint und böse: Als dürfe nach ihnen niemand mehr eine Erfahrung machen.
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