Auf der Bühne das Eigene

Du hast bis jetzt noch nichts geschrieben! mahnt das Schreibprogramm, das diesen Seiten zugrunde liegt. Warum duzt es mich? Ich weiß, wann ich schreibe, meistens auch, was. Ich möchte jetzt darüber schreiben, wie es ist, sich mit eigenen Texten vor ein Publikum zu setzen und warum das anstrengend ist. Das Zeitwort, das sich gestern aufdrängte, als ich über die Erschöpfung nachdachte, ist: sich entäußern. Wenn man da erstmal sitzt, vorn auf der Bühne, kann man nicht mehr weglaufen und sich verstecken. Sie schauen dich an und warten, was geschieht. Es geschieht, daß du (oder ich) das Blatt, auf dem geschrieben steht, was du bist, hochnimmst. Du nimmst es mit ruhigen oder zitternden Fingern hoch und liest mit einer dir unbekannten Stimme, was da steht, mit exakt der Stimme, über die du gerade verfügst. Das klingt dann irgendwie, irgendwie fremd, irgendwie fern. Wenn ich nicht spüre, was da geschrieben steht, spreche ich es falsch, dann bin ich falsch, dann bin ich nicht ich, sondern ein anderer, aber kein guter Anderer. Ich muß demnach ganz schnell hineinfinden in jenes Geschriebene, das mich geschrieben hat, denn was immer da steht, es enthält mich, ich kann gar nicht anders schreiben. Nun also lese ich bereits und suche, während ich spreche und zugleich mir zuhöre, nach dem richtigen Klang, dem Rhythmus, der Betonung – das ergibt den Sound, den Groove, erst das macht Leben, warmes, atmendes, herzschlagendes Leben. Sonst bleibt es unmusikalisch, phrasenhaft, undargestellt. (Manche Autoren können gar nicht lesen, tun es aber trotzdem – warum bloß? Sie bekommen ihren Text nicht aktualisiert, er wirkt wie zitiert, wie eingeschleppt.) Damit das nicht passiert, muß man die Zeilen beim Lesen leben. Aber sie leben, heißt auch, das Geschriebene erneut zu erleben, es heißt: in diese Gefühle und Stimmungen zu gehen, die den Text einst (oder kürzlich noch) ermöglichten. Oder sich schnellstens ein neues Gefühl dafür zu beschaffen, ein neues Gefühl für einen alten Text. Ich kann nicht kalt sein, ich bin nicht tot. Läuft die Sache dann endlich – nach ein paar Minuten läuft sie, dann ist es mir mit einem Mal recht, daß ich mich entäußere und die Sachen hinaushaue, und dem Publikum geht es ebenso, deshalb sind die Leute gekommen. Es geht nicht um Enthemmung, eher darum, das Scheue und Zurückhaltende zu überwinden, das mich sonst in Deckung und Sicherheit verharren läßt. Auftreten heißt, sich hinauszufordern, freizugeben, zu entäußern. Kontrolliert, versteht sich, sonst wäre es nicht Lesung, sondern Anstalt.


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