Man nannte sie Rotärsche, Krummis oder Krummfinger, das sollte darauf anspielen, daß sie die Gefickten waren, die Armseligen und auf Selbstbefriedigung Angewiesenen, während auf den höheren Rängen die potenten Subjekte walteten, Tat- und Kraftmenschen mit Handlungsvollmacht und Machtinstinkt. Der Abstand war immens. Die Neuen wußten nichts, hatten von Tuten und Blasen keine Ahnung, denn dort, wo sie gelandet waren, galten die bekannten Verhaltensmaßregeln nicht mehr. Wurde gebrüllt, war das ab sofort richtig und es mußte gehorcht werden, dem Brüllen, der kalkulierten Aggression. Tagelang ließ man sie in Trainingsanzügen durch die Kaserne hampeln und strampeln, stets in Reihe und drangsaliert, damit sie erkennen konnten, wie erbärmlich es war, nicht eine Uniform tragen zu dürfen. Sie sehnten sich danach, bekamen sie aber nicht. Stattdessen Anstellen vorm Sanitätsgebäude, in Reihe, bibbernd in der Morgenkühle des ansonsten milden Oktobers, das Kasernengelände war voller Kastanienbäume, endlich war man dran. Hose runter! befahl ein grinsender Vollstrecker, Sanitätsoffizier, lässig und fast schon obszön nicht-militärisch, er machte sich einen Jux aus der Furcht der Frischlinge. Spritze in die Arschbacke, nicht verkrampfen, nächster Tage die zweite, abtreten, viel Spaß noch. Frischlinge waren wir, damals. Keine drei Monate später kam neues Material, ein neuerlicher Schwung Ahnungsloser. Die Frischlinge und Krummfinger von gestern zeigten den Neuen sogleich, was es heißt, ganz unten und ein Nichts zu sein, ein Objekt, ein Gefickter, ein Rotarsch. Die Zeit hatte sie befördert, nun durften sie selbst quälen und bekamen bald darauf ihr erstes kleines Rangabzeichen, einen Querstrich auf die Schulterklappe: Gefreiter.
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