Tag der deutschen Einheit – was soll man sagen? Ist es Einheit, muß es Einheit sein? Wer paßt zu wem, wo verläuft die neue Grenze, die sie vor zehn oder zwanzig Jahren die Mauer in den Köpfen nannten? Die Flüchtlinge und Fremden als Katalysator innerdeutscher Befindlichkeiten, da flammt was auf, hier und dort. Die Glut der Wut oder wie das heißen soll. Wutbürger sind bereits erfunden, bald kommen die Mutbürger, um die Wutwürger in die Schranken zu weisen, hier in Deutschland, dem Gespensterreich der Reichsbürger, wo das Bürgertum sich zu mißtrauen gelernt hat, und zwar gründlich. Ist auf die Demokratie Verlaß? Ja sicher, auf sie ist unbedingt Verlaß, die Frage lautet nur, wie demnächst gewählt werden wird. Die Deutschen sind gut darin, ihr eigenes Verderben und das der Mitbetroffenen und Mitgerissenen herbeizuführen. Es wackelt die Wand, es knirscht im Fundament. Es könnte sich wieder beruhigen, es muß kein Erdbeben sein. Unser Haus steht auf festem Grund, sagt der Hausherr, und die Hausfrau nickt, oder umgekehrt. Im Keller hausen die Ratten, auf dem Dachboden wildern die Marder. Man traut sich nicht mehr dorthin, nicht nach oben, nicht nach unten. Wo sind eigentlich die Nachbarn? Sind wir schon so allein.
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