Zorniger Mann

Als er sich an meinem Rücken vorbei einen Weg an den Tresen bahnt, schiebt er mich mit seinem Bauch fast vom Hocker. Ich wende mich um und sehe, daß er alt ist und offenbar angetrunken. „Entschuldigung“, sagt er, „das ist eher ein … psychologisches Problem.“ Da es eindeutig ein physisches war, bin ich gespannt, was als nächstes kommt. Ich denke: er wird uns nicht mögen, er wird uns angreifen.

Erst richtet er sich ein, dann findet er eine Sitzposition, klärt die sonstige Raumlage, bestellt ein Bier, hört kurz nur zu (worüber wir anderen sprechen), legt dann los – legt los, als seien wir die Stichwortgeber, nein: die Startzeichengeber für seine eigenen Ansichten und deren Ausführung. Er sagt kurz und knapp: Die Welt hat ganz andere Probleme, ganz andere Probleme.

Andere Probleme als was? Wir sprachen ohne ihn und bevor er dort saß, wo er jetzt sitzt, über die Automobilindustrie und den sogenannten Abgasskandal, sodann über die kommende Landtagswahl in Bayern und die Szenarien, die sie bundespolitisch hervorrufen kann. Er sagt kurz und knapp: Die Welt hat ganz andere Probleme, ganz andere Probleme.

Welche das denn sind, fragt ihn mein bisheriger Gesprächspartner. Der neue Mann am Tresen schluckt, ist ein wenig verdutzt, kurz aber nur, sagt dann: Rente, Gesundheit, die deutsche Wirtschaft. Wiederholt dann: Die Welt hat ganz andere Probleme, ganz andere Probleme. Dabei spuckt er ein wenig, es sprüht auf meine rechte Hand, ich ziehe sie vom Tresen. Er sagt: Ich bin fünfundsiebzig Jahre alt und habe viel erlebt, aber das … das hat es bisher nicht gegeben.

Was denn hat es nicht gegeben bisher? Daß Deutschland so kaputt ist, sagt er. Merkel muß weg, sagt er, beteuert dann, daß er nicht die AfD wählen wird, sondern grün. Zwanzig Jahre lang habe er CDU gewählt, aber nun nicht mehr. Merkel macht unser Land kaputt. Ich kenne Leute überall, alle sagen, was ist denn mit Deutschland los, die fassen sich an den Kopf.

Stattdessen geilen sich alle auf an … Er sagt: aufgeilen. Statt sich daran zu machen, die wirklichen Probleme anzugehen, geilt sich die Öffentlichkeit an Abgasnormen, Dieselaffäre und Frauenquoten auf, an MeToo und anderen offenkundig unwesentlichen Sachen. Das geht so eine Weile, schließlich befinde ich mich in einem kurzen Zwiegespräch mit diesem zornigen und aufgewühlten Mann, der von sich sagt, er sei fünfundsiebzig.

Wo ich arbeite, will er wissen. Was ich arbeite, will er wissen. Ich erkläre, daß er das fragen kann, aber nicht aus mir herauskommandieren. Möchte er es also wissen? Er nickt. Kaum beginne ich zu antworten, fällt er mir ins Wort. Ich erkläre ihm, daß er zuhören muß, da es für mich sonst sinnlos ist zu sprechen. Nun hört er zu. Doch kaum ergattert sein Verstand ein Stichwort, legt er erneut los und erklärt mir die Lage. Ich weiß alles, sagt er.

Als er mit seiner Einschätzung durch ist, erläutere ich ihm, was es mit der Sache auf sich hat: aufgeregtes Bürgertum, alarmierte Eltern, Lehrer, Schüler. Ich sage ihm: Es ist nicht mehr so schlimm wie vor fünf oder acht Jahren, die Leute haben gelernt. Damals gab es den sogenannten PISA-Schock, nun ist die Aufregung nicht mehr ganz so groß. Er sagt: Aber Familien ziehen doch um, damit ihre Kinder eine bessere Schule bekommen. Ich sage: Ja, das stimmt, das tun sie noch immer. Aber bitte sage nicht: ich weiß alles. Das ist deprimierend.

Das Gute ist, daß er sich nun nicht mehr aufregt, sondern mit mir spricht und ich mit ihm sprechen kann. Er trinkt noch Schnäpse auf das Bier, aber das ist seine Sache. Ich muß nach Hause. Aber er ist vielleicht nicht mehr ganz so – wie heißt das: einsam, böse, verlassen, trostlos, ungestillt, verzweifelt. Wir geben uns die Hand, so ist es gut, man kann sich in die Augen sehen und verläßt das Feld der Beleidigungen und des Beleidigtseins.


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