Ein Winter ohne Schnee mag angehen, aber ein Winter ohne Kerzen … Die Winter meiner Kindheit waren nicht kalt und schneegesegnet. Meistens war ein Wetter wie jetzt: feuchtgrau und mild. Fiel Schnee, geriet ich in Ekstase und hoffte, daß mehr und immer noch mehr Schnee fällt, daß wir eingeschneit würden und nicht mehr zur Schule kämen, daß der Ausnahmezustand ausgerufen werden müßte und wir es uns im Haus warm und gemütlich machten. Aber kaum lag ein wenig Schnee, hoch genug, um den Schlitten hervorzukramen und auf dem Friedhofsweg rodeln zu gehen, taute es bereits wieder. Das Weserbergland ist kein Wintersportgebiet. In Berlin erlebte ich den kältesten Winter mit minus 22°C in den Neunzigern, wir waren zu Besuch und froren uns den Arsch ab. Das Café Einstein hatte Unter den Linden eine Filiale eröffnet, die war fast leer, außer uns nur ein weiterer Gast. Es schneite und schneite, der Flockenwirbel im Lichtkegel der Straßenlaternen und der wenigen, langsamen, leisen Autos, die Schneeflocken, als würden sie tanzen. Schnee verzaubert die Stadt, macht sie weich und rein. Ohne Kerzen wäre ein Winter nicht zu überstehen.
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