Vorfreude > Freude

Die Vorfreude ist die schönste Freude. – Als Kind war mir dieser Satz das Unverständlichste und Unsinnigste auf der Welt. Vorfreude auf meinen Geburtstag, Vorfreude auf Heiligabend? Ich war gespannt wie ein Flitzebogen, die Spannung war unerträglich. Vorfreude auf eine weitere Folge von Der Seewolf oder Lockruf des Goldes, ZDF-Vierteiler. Auch später noch: Vorfreude auf eine Verabredung mit einem Mädchen? Eher doch Aufregung, Anspannung, es kaum erwarten können, die Stunden zählen, die Minuten. Endlich. Warten zu müssen war Folter, Vorfreude ein verlogenes Wort für Quälerei. Nun bin ich alt genug, um verstehen zu können, daß die erwartungsfrohe Phantasie alles kann, die Wirklichkeit nur manches. Sie bleibt meist ein wenig zurück, als sei sie vornehm, ziere sich oder wisse es besser. Allmählich beginne ich mich für die Wirklichkeit mehr zu interessieren als für meine Vorstellungen von ihr. Das soll nicht heißen, daß ich mich habe bekehren lassen. Ich will immer noch das Beste, nicht irgendwas.


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