Dafür wurde das Wort Lebensgefühl erfunden. Dazu Goethe: „… ja, hat es nicht sogar Menschen gegeben, die von allem Lebensgefühl so ganz verlassen waren, daß sie das ganze Leben und Wesen der Sterblichen für ein Nichts, für ein kummervolles und staubgleiches Dasein erklärt haben?“
Dafür, wie es sich anfühlt, lebendig und Teil des Lebendigen zu sein. Aber es fühlt sich nicht zu jeder Stunde gleich an. Man spricht vom Lebensgefühl der Romantiker, der Wandervogelgeneration, der Hippies – jeweils offenbar ein bunter Strauß verschiedenster Empfindungen und Regungen. Gemeinsam ist ihnen die Verherrlichung des Lebens, der Jugendkult, das Pathos des Aufbruchs und Ausbruchs. Pathos ist Erlebnis.
Umso trauriger das zerknurpste Leben derer, die es nicht zu schätzen wissen, für gegeben und selbstverständlich halten oder eingesperrt sind, eingesperrt wurden und den Ausgang nicht finden. Als ich eingeschult und in die Tristesse der Schulstunden bestellt wurde, schwante mir, was los ist. Die Schulklingel scheppert, Zweierpaare bilden und auf Kommando gesittet die Treppen hinauf, durch den Schulflur in den Klassenraum auf den zugewiesenen Sitzplatz. Beim Militär genauso. Ohne diese Ordnung gäbe es Unordnung.
Lebensgefühl. Mein Lebensgefühl mäandert. Ich fühle mich dem Leben zugehörig, nicht unbedingt dieser Installation, in der ich mich bewegen soll wie ein gut dressiertes Äffchen. Nichts gegen Affen! Stelle ich mir Unordnung vor, Anarchie und Chaos, schießen mir keine guten Bilder in den Sinn. Die Leute bringen sich um, sie tun das wirklich. Ordnung ist gut, aber sie muß atmen, geschmeidig sein.
Lebensgefühl. Ich bin aufgewachsen mit einem emphatischen Lebensbegriff – stürmend, drängend, forschend, feiernd, preisend, jubelnd. Die Welt lag weit und ausgedehnt, es begann die Wanderung. Sie führte hierhin und dorthin, es gab kein erkennbares Ziel. Endlos lang die Liste der Berufe, die man „ergreifen“ kann. Die bürgerlichen Karriereaussichten deprimierten mich. Pirsig empfiehlt die „latere Drift“. Das Beste und Ehrlichste, wenn man sich nichts vorzusetzen vermag. Was willst du eigentlich? Man muß ein Ziel im Leben haben! – Muß man das?
Lebensgefühl. Schwankend zwischen begeistert und entgeistert. Gas geben und zugleich auf die Bremse treten, das verschleißt. Niemand ist so unnütz, daß er nicht noch als abschreckendes Beispiel dienen kann. Sehe ich mich um, komme ich zu dem Schluß, daß ich noch Glück gehabt habe. Es hätte weit schlimmer kommen können. Ich hätte Lebensschauspieler werden können, Wanderprediger (Berater) oder Lügner – jemand der Illusionen verkauft. Mal sehen, was noch kommt.
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