Erschöpft, ich hätte weinen mögen. Ich tat es nicht. Die abendliche S-Bahn war leer, ich döste. Kaum Leute unterwegs an einem Regentag wie diesem. Bettler zogen ihre Runden, zwischen den Stationen schlief ich, wachte auf. Umsteigen, aussteigen, einsteigen. Schritte treppab. Frage: Wie halte ich das eigentlich aus? Die gekachelten Wände, die endlosen Gänge, das Kreischen der Bahnen bei Einfahrt und Ausfahrt. Als würde Materie zerschlissen. Menschenwracks, Einsamkeiten, Verwahrlosung. Nichts ist abzuschieben. Wir erleben gemeinsam das 21. Jahrhundert in seiner Blüte und Pracht, die einen oben, die anderen unten. Wir sind und bleiben verbunden. Nichts wird zu entfesseln sein, wenn die Geschichtenschreiber später über diese Zeit herfallen und ihre Märchen stricken. War es reich, war es schön, schuf es gültige Bilder? In welche neuen Bilder warfen sich diese Bilder? Wie hoch dachten sie den Menschen, konnten sie selbst sich achten?
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.