Die Straßen schimmern in der Nacht. Niemand unterwegs. Stehenbleiben ist Meditation. Wann habe ich zuletzt geatmet? An den Straßenlaternen emporblicken in den bewölkten Himmel, aus dem feiner Sprühregen fällt. Die Autos wurden eingeparkt und stehen, wo sie eingeparkt wurden, bedeckt von Nässe und den Tropfen der Zeit. Dicke Brummer, diese Autos, es wird noch bezahlt. Ein Taxi ist unterwegs und spritzt um sich, schnelle Fahrt Richtung Autobahn. Ein Spätkauf hat geöffnet. Es ist spät, aber nicht spät genug für eine Beleidigung. Ein Mann mit weißer Schirmmütze und weißen Turnschuhen ruft einer Frau nach, die eilig entschwindet: Du Fotze, du Bitch. Er sollte sie siezen. Täter sind Opfer, wir wissen es längst und sind müde. Die unzähligen Grobheiten, die sich auftürmen zur Klage über das ungestillte Menschengeschlecht. Täuschung und Enttäuschung, die alte Leier. Die Bäume machen weiter, es gibt Knospen. Aus einem Fenster dringen Schnarchgeräusche wie zu Beginn, als es keine Geschichte gab. Auf dem Friedhof liegen die Toten und sind still. Ihr Liegen ist inaktiv. Bald schon streunen die Katzen. Die Autokennzeichen ergeben BEN und BOA, Menschenskind. Welch ein Verlangen nach Schönheit und Sinn.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.