Wir sind empfindlich geworden hier im reichen Westen. Der leichteste Schmerz läßt uns erbeben. Überall lauern unsichtbare Gefahren. Es muß etwas geschehen, wir erwarten den Angriff. Wie er vorgetragen wird, ist derweil noch unklar, wird soeben erforscht. Vermutlich Viren oder Bakterien, es kann auch der Krebs sein, die sogenannte Künstliche Intelligenz. Heimtückische Feinde allerorten, man hört ja soviel und liest auch dazu. Und dann noch die Statistik, die steigert die Furcht. Aber aufgepaßt: die Statistik entscheidet nicht den Einzelfall, nur weil der Einzelfall in die Statistik fällt. Bald glaubt eine Mehrheit wieder an Gespenster, wir werden es erleben. Wenn die Katastrophenspannung unerträglich wird, brennen die Sicherungen durch. Dann ist alles recht, wenn es nur Entlastung verspricht. Bereits jetzt werden eifrig und hochaktuell Chimären besprochen. Was wirklich ist und was nicht, wird strittig, wenn das Gefühl über allem steht. Angst macht erfinderisch, der Schmerz weckt die Phantasie. Oder anders herum: „Angst ist der Preis für großes Vorstellungsvermögen.“ (Dr. Hannibal Lecter)
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