Sehnsucht ist dem Deutschen Wörterbuch nach „die Krankheit des schmerzlichen Verlangens“. Sehnen und siechen. Sehnsucht heißt im Englischen „the longing“. Dem ist das Krankhafte entzogen: sich sehnen, verlangen nach. Vom Wortstamm her: sich strecken, fassen nach, ertasten. Bei der Sehnsucht wird die Entfernung zur Unerreichbarkeit. Daher das Leiden. Ich hüte die Sehnsucht – sie führt weit hinaus. Ich möchte dorthin nicht zwingend, aber ich weiß, daß es dort etwas gibt. Was es ist, weiß ich nicht. Sehnsucht ist die Suche nach Heimat, nach Verlorenem. Ich sieche nicht, ich suche. Vor ein paar Jahren sagte mir jemand, Sucht sei Suche. Ich fand das sympathisch: der Süchtige als Suchender. Eigentlich ja, nur die Abseitigkeit des Suchens ist in solcher Verwechslung nicht mehr markiert. Die Sehnsucht mag ich vor Siechtum schützen, denn sie zeigt und richtet sich auf etwas Schönes. (Vorhin wußte ich, was Schönheit ist. Ich trat vor das Haus und erblickte die mattgraue und erhitze Straße – Schönheit hatte etwas mit Seele zu tun. Wenn ich mich recht entsinne, dachte ich: Schönheit ist Größe der Seele. Und ich erschrak, als ich das dachte. Das kann man sich denken.)
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
Die Stille in der Frühe warmer Tage
Die Gewässer werden tief und schwarz
frühmorgens am Tag.
Eine einsame Wolke wirft einen Schatten, rasch verfliegend,
auf einen Fleck des ausgedehnten Waldes,
und unter dem Schatten beginnen die Vögel zu singen.
Eine Seele zu haben heißt, für einen Augenblick
unter dem flüchtigen Schatten der Wolke zu landen.
(Von Lars Gustafsson ein Gedicht zur Seele.)