Delirium

Ich höre die Klagen über „die Menschheit“, „den Menschen an sich“ und auch über Menschen im besonderen – daß sie nicht umsichtig, klug, rücksichtsvoll, ehrlich, anständig, bescheiden, daß sie nicht gut sind. Daß sie vielmehr schlecht sind, wenn nicht böse. Daß sie die Erde ausbeuten, das Leben auf diesem Planet auslöschen, daß sie an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen, wie Vögel oder geschwätzige Affen. Daß sie recht eigentlich vernichtet werden müßten, bedenkt man es richtig und zuende; daß Seuchen und Naturkatastrophen unausweichlich sind, um ihn (den Menschen) oder sie (die Menschheit) zur Räson zu bringen. Ich höre dies und habe ihn vielleicht selbst schon von mir gegeben, diesen gewaltigen Stuß. Ganz sicher habe ich so schon gedacht, ich weiß es genau. Deshalb leide ich doch darunter, ein Mensch zu sein. Ich kann nicht über den Menschen zetern und zugleich einer sein. Das heißt: ich kann das tun, aber es hemmt mich. Schlimmer: es reißt mich entzwei, macht mich krank, zerstört mich.

Wir leben unter einem ungeteilten Himmel und vegetieren zugleich und gemeinsam als Gefangene und Inhaftierte einer ungeheuren Suggestion. Diese Suggestion macht uns schwach und krank, sie hat das Zeug dazu, moralisch und intellektuell zu zerstören.

Eine Suggestion ist eine Grundannahme. Sie ist Rahmen, Bild und Bilddeutung in einem. Suggestionen sind Unterstellungen, sie werden in manipulativer Absicht erstellt und sollen dazu dienen, einen Sachverhalt auf diese eine Art wahrzunehmen und zu verstehen. Stets sind ihnen Zwang und Ausweglosigkeit beigegeben. Die Suggestion sagt: Nur noch so kann eine Sache jetzt und fortan betrachtet werden. Wirklichkeit wird eingehegt und in Beweisstücke zerlegt. Neuerdings spricht man viel über framing – das ist gut. Jetzt müßte man nur noch das eigene erkennen und weniger auf das der anderen zeigen. (Übrigens gehören beide Seiten des aktuellen Streits um ein framing bei den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten in ein und dieselbe Suggestion.)

Suggestionen beanspruchen, die wirkliche Wirklichkeit erkennen zu lassen und Handlungsschritte bereitzustellen. Auf den ersten Blick wirken sie einleuchtend, wortwörtlich zwingend. Stets gilt es, eine Gefahr abzuwehren und Not abzuwenden. Die Klimakatastrophe, die Flüchtlingskatastrophe – darunter geht es nicht. Die politischen Lager unterscheiden sich darin, worin sie jeweils eine Katastrophe meinen erblicken zu können. Suggestionen sollen handlungsleitend wirken – jetzt dies wählen, das kaufen, jenes verbieten.

Doch die genannten Suggestionen sind meines Erachtens nur Ausprägungen einer größeren Suggestion, die nämlich besagt – ja, was besagt sie? Darüber denke ich nach, vielleicht kann ich es noch nicht denken, jedenfalls kann ich es nicht sagen. Ich leide unter ihr, das weiß ich bereits. Sie hat mit dem Selbstbild des Menschen zu tun, auch das weiß ich. Sie entstand, als der Mensch mit sich selbst in einen unüberbrückbaren Zwiespalt geraten ist. Wann war das? Fragen wir die Historiker! Ich spreche nicht vom Garten Eden.

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Der vielzitierte Adorno-Satz ist deshalb gut, weil er die Suggestion aphoristisch benennt. Zugleich gibt das Apodiktische der Aussage zu erkennen, daß sie selbst der Suggestion unterliegt. Es kann demnach im falschen Leben kein richtiges Leben geben. Es gibt demnach kein richtiges Leben. Alles ist demnach falsch. Umkehrschluß, ebenso totalitär: Wir müssen das gesamte Leben ändern. Resignative Konsequenz: Da wir das ganze Leben nicht ändern können, wird es sich nicht (niemals) ändern. Empfehlung: ein Leben in pietätvoller Erinnerung, verschlingender Trauerarbeit und schuldbewußter Demut. So leben Einsiedler und alte Sünder.

Wir leben innerhalb eines Verantwortungs- und Schuldzusammenhangs, der uns umgibt wie ein Schleier, ein Vorhang, hinter den wir nicht mehr zu schauen vermögen. Vielleicht leitet diese (fehlende) Sicht, wie Cioran meinte, unser kulturelles Abdanken ein. Vielleicht sind wir fertig, aber bedauernswerter Weise nicht erledigt genug, nicht noch andere in die Katastrophe unseres Wahns und unseres lebenstechnischen Versagens zu ziehen, Afrika beispielsweise oder das infizierte und fiebrige China. Die Konzepte des Westens gehen nicht auf. Immer mehr Technik und bunter Plunder muß aufgeboten werden, um den Abgrund, die innere Leere und das saugende Nichts vergessen zu machen. Leicht zu ersehen, wie die Suggestion wirkt. Ihr zufolge ist es längst zu spät.

Die eigenen Suggestionen sind individuelle Beiträge zur verschlingenden großen Suggestion. Man müßte allerdings fragen, ob sie wirklich eigen sind. Geht es nicht vielen so wie mir? Bin ich derart deutlich anders als andere oder bilde ich mir das ein, um nicht auch noch meinen letzten Altar umzuwerfen, den meiner unumstößlichen Einzigartigkeit? Und wieder ist erkennbar, wie die Suggestion wirkt. Sie ist das Minus, gegen das wir kraftlos ein Plus zu erzeugen versuchen, beeindruckt und eingeschüchtert wie wir sind.

Ich möchte aus ihr austreten wie aus diesem Bild, in das man mich setzte, in das ich selbst mich begab und begeben ließ. Ich möchte nicht in diesem Bild irre gehen, ich habe es durchquert, überflogen und unterwandert. Ich bin müde, ich trete aus. Das Bild ist die Katastrophe, der ganze Rest besteht aus Worten und Taten. Vieles läßt sich ändern, aber nicht mit Blick auf dieses hypnotische Bild. Auch nicht mit Blick auf ein anderes. Ich möchte es fortan schaffen ohne Suggestion, sogar ohne Vorbild.


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