Etwas mitgeben

Auf das Taschenbuch hat jemand einen runden Aufkleber geklebt. LESE und TIPP stehen da untereinander, der Bindestrich fehlt. Wessen Tipp für wen? Ich verstehe es nicht. Ich bin kurz davor, bei dtv anzurufen, um die Sache zu klären. Wer spricht zu wem über was? ist die Ausgangsfrage jeder Kommunikation. Im Fall von LESE TIPP spricht niemand zu allen, denn ein Verlag kann nicht sprechen, da er keine natürliche Person ist. Selbst wenn er es könnte, wäre die Aussage sinnlos, denn es versteht sich von selbst, daß ein Verlag seine Bücher empfiehlt. LESE TIPP habe ich nun entfernt, ich möchte Frank von Richard Ford unbehelligt von Geistern und anonymen Ratgebern lesen. Ich habe das Buch ohne sie gefunden und brauche sie auch jetzt nicht. Die Theorie zur Aufmerksamkeitsökonomie besagt, daß Aufmerksamkeit ein knappes und geldwertes Gut ist, um das sämtliche Anbieter konkurrieren. Mit LESE TIPP hat man da kaum eine Chance. Fast schon gerührt betrachte ich den abgerissenen und an seinen Rändern zerdellten Aufkleber. Den hat mal jemand entworfen und drucken lassen, der wurde bestellt, eingekauft und von Hand auf die Bücher geklebt. Praktikantenarbeit. Ein Akt mutmaßlicher Hilflosigkeit: Vielleicht hilft es ja, mag jemand geseufzt haben. So wie eine Mutter ihrem soeben eingeschulten Kind beim morgentlichen Abschied die Haarsträhne aus der Stirn wischt, eine zärtliche Geste, bevor sie sich von ihm trennen muß und das Kind losstolpert ins Leben da draußen.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Etwas mitgeben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert