Jetzt, da es Abend ist, lausche ich den Rufen der Mauersegler, die noch unterwegs sind und Runde um Runde absolvieren, als täten es ihnen dort oben die Radrennfahrer gleich, Rund um den Henninger-Turm, Rund um die Hainleite. Während sie Tempo machen und übermütig schreien, werde ich ruhiger.
Wie zersprengt wir sind, dachte ich heute und fühlte es stark. Zerteilt in Bereiche und Aufgaben, Handlungsmuster und Sprechweisen. Während ich mich zeige, halte ich mich verborgen; wenn ich das eine sage, verschweige ich das andere. Manche reden ungeheuer viel, nur um davon abzulenken, wie sehr sie ängstlich sind und sich versteckt halten müssen, sogar vor sich selbst. Wir sind mögliche Versionen – die bieten wir an, uns und den anderen, und überprüfen im Takt der Schläge des Herzens, ob man uns glaubt. Wer bin ich, wenn man mir nicht glaubt?
Vielleicht gibt es kein eigentliches Ich, nur die Bereitstellung von Eigenschaften und Fähigkeiten, die sich im Laufe der Zeit ausformen oder verkümmern. Ich habe mich selbst schon als Staat wahrgenommen und lange suchen müssen, ehe ich den Regierungssitz ausfindig machen konnte: zwischen Kopf und Herz mit Ministerien weiter unten. Es läßt sich über alles reden, fraglich nur, was dabei herauskommt.
In der S-Bahn hat mich heute morgen Anaïs Nin gerettet. In einer fiebrigen Zeit und sich abzeichnendem Untergang (1936-39) hält sie tapfer zu sich und ihrer Eigenart des Denkens und Fühlens, während die Männer um sie herum der Reihe nach anfangen, Feuer zu fangen, sich für Ideen opfern zu wollen und zu verbrennen. Henry Miller verbrennt im halt- und richtungslosen Taumel seines Schreibens (Schwarzer Frühling; Wendekreis des Steinbocks). Er wird erlöst und neu geboren. Ohne Anaïs Nin hätte er es kaum geschafft. Sie sieht ihn deutlich und ohne Illusionen.
Während ich ihr Tagebuch las, dachte ich: Ich lese die lebendige Wirklichkeit eines Menschen; sie ist mir näher als meine eigene. Durch das Lesen erhelle ich sie und verstehe besser, wozu man eigentlich lebt. Die Kunst ist Nins Religion, sie mißtraut den Ideologien. Nur in der Kunst kann ein Individuum zu sich finden, durch alles hindurch, was einem in den Weg gestellt wird von den Leuten und der Zeit. Die Kunst sei Flucht, Ausflucht, Elfenbeinturm – predigten sie bereits 1936.
Nun schlafen die Mauersegler. Aus einem Küchenfenster scheppert Edelstahl oder Blech in den nächtlichen Hof. Ich weiß nun etwas besser, warum ich schreibe und tue es vielleicht mit mehr Bedacht. Endlich kann ich atmen und bekomme auch genug Luft.
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