Das fehlende Glied

Sich selbst nicht mehr zu spüren, sich verloren zu gehen und vergeblich zu suchen, sonstwo – vielleicht ist das das Schlimmste. Nicht mehr zu wissen, wer oder was ich bin – was auch bedeutet, daß ich vergessen habe, woher ich komme und was dazu führte, daß es mich gibt – liegt nahe der Selbstauslöschung. Deshalb vielleicht wird über Identität derart angestrengt und erregt diskutiert. Wer sich gesichert weiß, beschützt und erhaben, wird über die Ungesicherten spotten, ihr Anliegen übersehen. Not in Zeiten großräumiger Verteilung und Verwirbelung, nicht ausgedacht, sondern echt. Sich angegriffen fühlen – offenbar ein Dauerzustand. Verteidigung durch Diskurse, die die Verwirrung nur noch steigern? Niemand kann abstrakt existieren, auch wenn Worte und Begriffe das suggerieren. Wie bekommt man heraus, wer man wirklich ist? Am besten doch, indem man wirksam wird, im Zusammensein mit anderen, die anders sind. Wir sind Entlaufene, selbst wenn wir heimisch sind. Die Welt ist klein geworden, sagen sie. Ich finde, sie wird immer größer. Für mich ist es dort gut, wo erzählt wird. Wer erzählt, möchte vermitteln und weitergeben, möchte schenken. Niemand soll zu irgend etwas oder irgendwem gehören müssen. Man findet sich ein, wo es schön ist. Konflikte gehören dazu. Ich wollte mich manches Mal schon vernichten, habe dann aber von meinem Vorhaben abgesehen. Ich habe längst noch nicht verstanden, wer ich bin oder was ich hier soll. Ich weiß nicht einmal, ob ich was soll. Soll ich was sollen, was kann ich denn wollen? Es wird sich zeigen, ich bin mir sicher. Leben lebt sich dadurch, daß etwas geschieht. Theorie ist gut, zuvor ist Praxis.


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