Ausgelöst

Mit Musik auf den Ohren durch die Gegend zu laufen ist ein Ereignis eigener Art. Ich habe mir das in Leipzig gegeben, lange her, die Stadt lag schwer verletzt vor ihren Rettern. Keimzeit paßten zu Connewitz, ich hatte dort Dokumentarfilme zu machen, ich hörte Irrenhaus rauf und runter, auch Kapitel elf. Ich könnte die Wege heute noch gehen, nur meine Lieblingskneipe haben sie damals ausgebrannt, die Leute von rechts, das Backwahn. 1991. Glatzenterror nannte man das. Ich erinnere mich an das Backwahn gut. Ich traf dort Leute, die ich brauchte, um die Situation zu verstehen, und sei es nur halbwegs. Bevor das Backwahn ausbrannte (Oktober), wurde ich nach Dresden versetzt. Auch dort dieses Hordenhafte nächtlicher Überfallkommandos, meist betrunkener, torkelnder, nun ja, sagen wir: Skins. Sie mußten viel trinken, um mutig zu werden, ich konnte sie mehrfach beobachten. Die Polizei damals, vor kurzem noch hießen sie Volkspolizisten, hatte dagegen nicht die Spur einer Chance, konnte und wollte sie auch nicht haben. Man duckte ab, spielte herunter, sah weg. Zeit der Unsicherheit, Zeit der Unentschiedenheit, Zeit der Gewalt. Welche Werte gelten denn aktuell? Heute, achtundzwanzig Jahre später, Parkspaziergang mit neuer Musik von Ryan Bingham, der Wege sucht, nachdem er sie einst kannte. Das ist gut. Ich erinnere mich weiterhin an eine Fahrt nach Mostar, Ende der Neunziger, sechsundzwanzig Stunden Busfahrt, anschließend im Auto weiter. Während der Folterfahrt im Bus, der schneller fuhr, je gefährlicher die Straßenführung wurde, hörte ich auch Ohrstöpselmusik. New Adventures in Hi-Fi.


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