Nicht nur das Gezappel muß aufhören (siehe weiter unten), sondern auch das Kleinmachen von Kunst. Wer die Kunst kleinmacht, macht den Menschen klein. Aber auch Kunst muß aufhören, den Menschen kleinzumachen. Sie soll nicht mitspielen im tödlichen Spiel des Kleinmachens. Kleinmachen ist degradieren, banalisieren, trivialisieren, infantilisieren, pathologisieren, psychologisieren. Kunst ist machtvoll, ist eine Hauptmacht menschlichen Geschehens. Kein Wunder, daß sie an die Kette soll. An die Kette des Komforts, des Geschäfts, der etablierten Glaubensmeinung. Im Neoliberalismus sind die Inhalte austauschbar geworden, habe ich gelernt. Aber die Kunst, die sich besser als alle anderen auf die Form versteht, kann es sich nicht leisten, auf Inhalt zu verzichten. Inhalt von Kunst sind die großen und ewig drängenden Fragen des Menschen, ganz ähnlich denen der Philosophie. Zunächst darf Kunst sich vor Verwechslung bewahren. Sie ist nicht Produkt und taugt nicht zu Konsum. Daß Kunstwerke verschachert werden wir Diamanten oder Briefmarkensammlungen, bezeichnet die, die bei so etwas mitmachen und bieten, nicht das Werk und seinen Wert. Vorsicht vor dem Betrieb ist jederzeit geboten. Der Betrieb (Kunstbetrieb, Literaturbetrieb, Theaterbetrieb, Musikindustrie, Medien) läuft für Aufmerksamkeit auf Geld, und er zwingt ein jegliches, das sich ihm gibt, unter seinen Bedingungen in die Logik seines Systems. Manche Leute, mit denen ich rede, sind total korrupt – und merken es nicht. Sie empfehlen mir hier mehr Cleverness und dort eine kleine Nachbesserung, unschuldig wie sie sind. Groß herausbringen wird man mich nicht mehr können. Das wäre geschafft. Ich sagte es bereits: durchhalten macht legendär. Aber wenn wir nicht mehr an die Kunst glauben – NICHT EINMAL WIR – wer sonst kann es tun? Und da wir unseren Glauben verloren oder abgegeben oder eingetauscht haben gegen smarten Scheiß, kommt auch nichts mehr heraus. Ich kämpfe hier jeden Tag gegen das Verstummen, das sich mir aufdrängt als die Schlußhandlung meines Lebens auf Empfehlung derer, die alles nichtswürdig finden, was nicht in den Charts elektrisch aufleuchtet und blinkt. Ihr könnt mich mal, ich lese jetzt weiter in Moby Dick.
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