Romantik schön und gut, aber die Dinge bewegen sich doch

Manchmal fällt etwas von der Wand oder vom Tisch: eine von der Straße aufgehobene Krähenfeder oder ein Zettel, auf dem Wichtiges steht. Daß die Dinge leben, habe ich mir oft vorgestellt und tue es noch von Zeit zu Zeit. Das ergab oder ergibt ein unbestimmt poetisches Gefühl, ich fühlte mich darin wohl wie in einer heilsamen Illusion und spielte Dichtung. Man muß bei solchen Ideen für nichts haften, es klingt schön, das mögen die Leute. Es herrschte aber größter Schrecken, wenn sie lebten, die Gegenstände unseres täglichen Gebrauchs, sie könnten uns nämlich verraten. Bisher verließen wir uns auf die Verschwiegenheit der Dinge. Das ändert sich derzeit. Über das Telephon, das ich benutze und das längst kein Telephon mehr ist, werde ich belauscht und ausgeforscht. Daß ich das weiß und akzeptiere, werde ich bestätigt haben müssen – sonst könnte ich die Dienste, die ich nutze, nicht in Anspruch nehmen. Man muß stets zahlen: mit Geld oder mit Daten. Wer Daten geben muß, wird angetastet, verliert Immunität und Integrität. Das bedeutet Schwächung. Alle sind erpreßbar, das paßt der Macht. Welcher Macht? Derjenigen Macht, der diese Schwäche zu Stärke verhilft und sie deshalb nutzt. Macht bescheidet sich nicht. Sie greift zu, irgendwann. Genau dann, wenn man sie läßt, wenn niemand genau hinsieht. Darin gleicht sie der Schlange, die abwartet und die Bewegungen ihres Opfers studiert und erst zuschlägt, wenn sie den Angriff mit tödlicher Sicherheit auszuführen vermag. Putzig sind die, die sagen, sie hätten nichts zu verbergen. Das ist die alte Lüge des Spießers, ebenso plump wie frech. Da will jemand tatsächlich seinem eigens dafür in die Welt gestellten Biedermann-Image gleichen. Wie originell. Besser gleich erklären, daß man Mörder, Tagedieb und Verräter ist, jemand, mit dem weder Staat noch Firma zu machen ist. Brecht wird jetzt erst aktuell.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Romantik schön und gut, aber die Dinge bewegen sich doch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert