Man kann verlassen, man kann verlassen werden oder sich verlassen fühlen; gut möglich, daß man sich auch verlassen lassen kann. Aber Verlassenheit ist eine andere Nummer! Wenn ich ein Wort wie Verlassenheit schaffe, befördere ich ein zum Adjektiv aufgepimptes Verb zum Substantiv und spreche ihm damit, ob ich will oder nicht, Substanz zu.
Was ist die Substanz von Verlassenheit? – Etwas Gegenständliches, also Zeitbeständiges, kann nicht gemeint sein. Verlassenheit bezeichnet eher einen Zustand und meist auch ein Gefühl, das durch diesen Zustand erst hervorgerufen wird. Nichts Zeitstabiles, auch wenn dem Gefühl eine gewisse Dauer beschieden sein mag, vermutlich zum Leidwesen desjenigen, der es durchlebt.
Die Substantivierung bewirkt eine augenblickliche Dramatisierung und Monumentalisierung des „Begriffs“. Ob nämlich Verlassenheit tatsächlich zum Begriff taugt, ist noch die Frage. Ich werde sie nicht beantworten können. Worauf ich hinaus will, ist eine Warnung an mich selbst, sie lautet: Vorsicht bei Substantivierungen! Sofort glaubt man an Gespenster, nur weil es ein Hauptwort dazu gibt.
Deutlich wurde mir das, als ein Bekannter von sich sagte, er sei Raucher. Du rauchst? fragte ich. Er nickte. Und deshalb bist du ein Raucher? Ja, sagte er, ein Raucher ist jemand, der raucht. Und ein Trinker ist jemand, der trinkt? fragte ich daraufhin. Nur wenn er viel trinkt, bekam ich zur Antwort. Und wenn er wenig trinkt? Dann nicht, sagte er. Rauchst du viel? fragte ich. Geht so, sagte er.
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