Abwertung des Lebens, Abwertung des anderen, Selbstabwertung. Das ist der monotone Singsang der Moderne und ihrer Ideologien, die allesamt auf -ismus enden. Diese Ismen sind das strenge Korsett der frommen Denkungsart.
Vernichtung des Besonderen und der Einzigartigkeit durch Zwangskollektivierung; durch Einpressung des einzelnen und der Familien und der alten Gemeinschaften in den Volkskörper, der aus Parade- und Marschkolonnen besteht; durch Isolierung, Anonymisierung und käufliche Scheinindividualität zum Tauschwert von Attraktivität, Emanzipation und Einsamkeit.
Einsamkeit ist Bedürftigkeit. Zersplitterung des Sozialen, konkurrenzwirtschaftlich befeuert. Jeder gegen jeden, und die Schwachen bekommen die Krümel, die vom Tisch heruntergewischt werden.
Der Zusammenhang ist nicht einfach nur (gleichsam schicksalhaft oder von Geisterhand) verloren gegangen, er wurde auch willentlich zerstört. Zum Ende hin sollen wir austauschbar und universell verwendbar sein. Doch wer formuliert oder präfiguriert solches Sollen? Will das denn jemand, allen Ernstes? wird man fragen müssen. – Konzerne oder die vermeintlich Allmächtigen oder die staats- und grenzübergreifend Tätigen, ein paar der global players? Oder das System? Welches System, wessen System?
Normierung und Standardisierung schreiten voran, in Asien entstehen die Alptraumlandschaften einer zuende gedachten Moderne. Abschaffung des Menschen, da er mangelbehaftet und rückschrittlich ist. Welche Kraft oder welcher Wille treibt dieses Abwertungsprogramm voran? Vordergründig geht es um praktischen Nutzen und Komfort, also um die technische Beherrschbarkeit von Wirklichkeit. Diesem Nutzen, der ausrechenbar ist, müssen Opfer gebracht werden.
Eines dieser Opfer ist die tradierte Lebensart. Innerhalb von nur zwanzig Jahren (1965-1985) hat sich mein Heimatort von einem Bauerndorf zu einer Wohnansiedlung aus der Kleinbauernexistenz entlassener Arbeiter und Angestellten gewandelt, die mit dem Auto dorthin fahren, wo es Arbeit für sie gibt. Mit diesem Wandel kamen Wohlstand und Entfremdung. Niemand gräbt noch in eigenem Garten, Obst und Gemüse kaufen sie im Supermarkt im Gewerbegebiet vor der Stadt. Die Dorfkneipe machte zu, da war ich noch Schüler. Der Schlachter folgte, das Postamt wurde geschlossen. Die Feld- und Weidelandschaft ist ausgeräumt, die Kühe des letzten verbliebenen Hofs stehen Tag und Nacht im Stall angestrickt an ihrem numerierten Platz und dürfen sich hinlegen. Laufen dürfen sie nicht. Fortschritt.
Vom Großen ins Kleine und zurück. Hintergründig findet ein gewaltiger Tauschhandel statt. „Aufwertung“ universeller Zweckrationalität durch Abwertung und Beseitigung dessen, was ihr im Wege steht. Lifestyle ist ein Angriff, konfektioniert für den globalen Massengebrauch auf dem umkämpften Identitätssektor. Was du nicht hast, mußt du kaufen.
Ich schaue mich um und sehe Suchende, Verwirrte, durch die Gegend irrende Identitätsnomaden, hier was schnuppernd, dort was gehört. Gähnende Leere der freien Zeit – was tun, wenn man nicht weiß, wer man ist, weil man nicht weiß, woher man kommt. Bereits die Eltern hat es ausgewischt, die wissen auch schon nichts mehr, die kann man nicht fragen. Die Großeltern lernen schnell noch, wie das Internet funktioniert. Als sei das, was von ihnen verlangt wird, ausgerechnet dasjenige, was alle können oder wissen.
Derweil stürzen wir gemeinsam in eine immerhin interessante Zukunft, die Überraschungen bereit halten dürfte. – Ich habe das Sexuelle vergessen, o Schreck! Ausgerechnet dort findet sich nun aktuelle Identität. Wohin das führen soll, kann ich noch nicht erkennen. Ich schätze: in Isolation und Einsamkeit, ein anderes Wort für Selbstdesign. Sich selbst zum Produkt machen, damit es jemand kauft. Marktgängiges Verhalten. „Muß ja“, sagen sie in meiner alten Heimat, wenn es besser laufen könnte. Immerhin heucheln sie nicht Begeisterung.
Smileys weglassen.
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