Ich bin in sie gerannt. Der Zug, der Zug, schon blinkte das rote Lämpchen über der Tür, ich riß mich herum und sprang in die Bahn. Gerade noch geschafft. Warum ich es derart eilig hatte, hätte ich auf Nachfrage nicht beantworten können. Hatten es nicht alle eilig, abgesehen von jenen, die es nicht eilig hatten? Jedenfalls stand ich nun im leeren, langen Schlauch der Untergrundbahn, und niemand sonst war da. Scheiße. Draußen auf dem Bahnsteig stand die Japanerin, in die ich hineingelaufen war, und gestikulierte, wollte mich aufmerksam machen: nicht auf die falsche Richtung, sondern das absolut falsche Ziel. Diese U9 fuhr ins Depot. Ich in ihr und mit ihr dorthin. Nein, der Fahrer hatte mich längst bemerkt. Mich, der sich in letzter Sekunde und unter Todesverachtung hineingeworfen hatte, sein letzter und einziger Fahrgast; mich mußte er nun eigens wieder herauslassen. Eine Stimme ertönte über den Lautsprecher: „Alle bitte aussteigen.“ Betonung auf alle. Die Türen öffneten sich. Ich mußte fast schon lachen, ein Mann rief mir fröhlich etwas zu, die Japanerin, die noch immer dort stand, wo ich in sie hineingelaufen war, lächelte und nickte. Freundliche Menschen dort unten beim Rathaus Steglitz. Aber warum nur hatte ich es so idiotisch eilig, wo wollte ich denn hin?
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.