Es ist noch längst nicht normal. Aber alle geben sich Mühe. Das rührt mich sehr. In meiner Lieblingsbar stehen die Tische so weit voneinander, daß man von Inseln sprechen muß. Inseln mit einsamen Kerzen. Die Kellner treten mit Maske an den Tisch, wer die Bar besucht, muß eine Telefonnummer hinterlassen. In den Bahnen mehren sich Anzeichen, daß die Leute glauben, die Sache sei ausgestanden. Manche geben sich mutig, übermütig, trotzig – und überlassen die Besorgnis anderen. Über nichts kann man sich leichter lustig machen als über Furcht. Ob wir alle verrückt geworden sind, frage auch ich mich. Allerdings sind mir die Vorsichtigen lieber als die Unvorsichtigen. Die Bedrohung ist eigenartig, wirkt nahezu abstrakt. Doch kaum stirbt einer im engeren Kreis der Bekannten, wird sich in mir das Blatt wenden. Ich weiß das, deshalb enthalte ich mich dieser wohlfeilen Kritik der Verschonten. Nicht einmal bei 3:0 würde ich jubeln, sondern ein 4:0 wollen – fußballerisch gedacht. Und das Rückspiel nicht vergessen.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.