Texte leben davon, daß sie geprüft werden, denn Äußerungen sind aktuell, kontext- und situationsabhängig. Ich glaube nicht an das Leben, ich glaube nicht an den Tod – habe ich geschrieben und später ein wenig revidiert. Nun unterziehe ich den ersten Teil des Satzes einer erneuten Revision. Ich bin nämlich zu dem Schluß gekommen, daß ich sehr wohl an das Leben glaube. Aber es klang mir kitschig und abgewirtschaftet, dies zu schreiben. So etwas hört man an jeder Straßenecke, dachte ich.
Vielleicht habe ich mich geirrt – vielleicht hört oder sieht man nämlich etwas vollkommen anderes. Werden wir Zeugen einer Einschrumpfung des Lebens, einer Verzwergung und Banalisierung?
Wo Leben sich zeigt: wild, laut, ungeplant, überraschend, gefährlich, abenteuernd – wird es unter Kontrolle gebracht, zurückgeschnitten, begrenzt, begradigt, eingehegt oder gleich ganz vernichtet. Roundup.
Wo Leben sich zeigt: leise, schüchtern, fein, tastend, fragend – wird darauf getreten, es zerlacht und verspottet, oder schlicht übersehen. Die Leisen kommen erst zum Zug, wenn die Lauten gescheitert sind.
Ich glaube an den Sieg des Lebens über den Tod, könnte ich schreiben. Im Sinne von: ich möchte, daß dies geschieht. Ich weiß aber, daß der Tod jeweils Leben besiegen kann. Siehe die Sterbenden, siehe die Toten. Leben und Tod gehören zusammen, nichts wird sie trennen. Es gibt keinen Tod ohne Leben, umgekehrt auch nicht.
Ich möchte ergänzen: Ich glaube an ein wahres und vollständiges Leben. Wahr und vollständig als Gegensatz zu unwahr (falsch, gefälscht, unecht) und unvollständig (zerteilt, halbiert, reduziert). Unvollständig ist ein Leben der Vermeidung, auch der Selbstvermeidung, des Sich-aus-dem-Weg-Gehens. Ich will mich nicht vermeiden. Einigermaßén stolz möchte ich sagen können: Ich habe gelebt.
Kann man denn nicht gelebt haben auf Erden? – Ich befürchte, man kann. Ich habe Phasen durchlebt, die schienen mir eher dem Tod zuzustreben. Oder nein, schlimmer noch: die waren Gefangenschaft und Stillstand, Siechtum und Verwahrlosung. Verlorenheit auch – ausgesetzt im Irgendwo eines absolut dämlichen Lebens. Aussichten: keine.
Man kann schlimm leben. Zum Beispiel, wenn einem alles egal ist, wurscht oder wumpe. Wenn man morgens nicht aus dem Bett will, weil der Tag ein Desaster zu werden verspricht. Wenn man sich Bestrafungen zuzieht, eine nach der anderen, und weiß nicht einmal, wofür. Wenn das eigene Tun genauso idiotisch ist wie das Nichttun. Wenn man in Ekel angekommen ist, einer lausigen Endstation kurz vor dem Rand der belebten Welt.
Dies handelt nicht mehr von Revisionen, ich habe es bemerkt.
Wer sich nicht umbringen läßt, kann später davon erzählen. Es gibt viele Formen des Krieges, des Todes.
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tot – hinten und vorn eine Peitsche und in der Mitte ein Loch. Meiner Erinnerung nach hat das Julius Bierbaum geschrieben. Ich denke: Es gibt nichts zu sagen über den Tod. Übers Sterben schon. Der körperliche Verfall beginnt etwas mit dem 25. Lebensjahr. König Midas, um einen Abstecher zu den alten Griechen zu machen, hatte den zum Heer des Dionysos gehörenden Dämon Selen gefangen genommen und fragte ihn, was das Beste sei für den Menschen. Unter wildem Gelächter gab Selen zur Antwort, das beste sei gar nicht möglich, denn das wäre, nicht geboren zu sein. Das Zweitbeste aber, bald zu sterben. Nietzsche nahm diesen Grundpessimismus der Griechen in der „Geburt der Tragödie“ vorweg und führte fort, wie sich bei den Griechen durch die Kunst der Pessimismus in Lebensoptimismus verkehrte. Sollte man von Zeit zu Zeit lesen.
Ja. Man könnte auch Cioran herbeirufen: „Vom Nachteil geboren zu sein“ (1973). Er schreibt darin: „Was ich mit sechzig weiß, wußte ich ebensogut mit zwanzig. Vierzig Jahre einer langen entbehrlichen Überprüfung …“ Da man aber nicht weiß, was kommt, lebt man erstmal los. Mit den Jahren wird man skeptischer, vielleicht mitunter pessimistisch. Ich bin eher optimistisch, denn langfristig setzt sich das Todesprinzip wohl nicht durch. Ja, über den Tod kann niemand etwas wissen. Sehr wohl aber darüber, wie es sich anfühlt, wenn man allmählich nicht mehr, also bereits stirbt, also demnächst tot sein wird. Siehe der Frühling, siehe die Wiedergeburt. Niemand fürchtet den Tod, jeder fürchtet das Sterben. Der Tod ist etwas für die Lebenden, sagte ein weiser Gastwirt aus Kreuzberg.