Wohin ich nicht reiche

Eine Gefahr des Älterwerdens und Alterns besteht darin, wenig ernstnehmen zu können. Und zwar nicht deshalb, weil den Dingen kein Ernst gebührt, sondern deshalb, weil dieser Ernst vielfach beschworen, einige Male verspielt und verhökert wurde. Was soll denn, um ein Beispiel zu nennen, Vaterland noch bedeuten nach zwei Weltkriegen und dem Pathos derer, die nicht ihre Knochen hinhielten, sondern andere losschickten, als es ans Sterben ging. Was soll Demokratie bedeuten, wenn die Parteien, die drin sind, gegen jene schachern, die draußen bleiben sollen. Was bedeutet Solidarität, wenn sie dem eigenen Ansehen nutzen soll, nicht jenen, denen sie gebührt. Ich bin es nicht, der die Werte entwertet oder sie entwertet hat, aber ich registriere, daß dies geschieht. Kommt mir jemand mit der Rettung der Menschheit, gehe ich in Deckung und blinzle in die Sonne wie Diogenes in seinem Faß. Liebe ist heilig, ich weiß das schon. Auch Bäume sind heilig, ebenso die Erde, aus der sie wachsen. Ich weiß das auch, aber ich kann nicht mit Leuten Zirkel bilden, die Bäume umarmen und sie esoterisch ausdeuten. Esoterisch bedeutet: eingeweiht. Wer könnte solches von sich behaupten. Ich neige zu Ernst und Grübelei, aber letzter Zeit muß ich recht oft lachen. Käme ich aus Fernost und hätte die Exerzitien durchlaufen – es wäre mir eine Ehre, mich Taoist zu nennen.


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