Wo in Neukölln? Nicht dort, wo ich mich nicht auskenne. Fünf Straßen fort von hier beginnt mein Niemandsland; die Silbersteinstraße, so schön ihr Name funkelt, führt für mich zur Autobahn. Hermannplatz ist geschäftige Gleichgültigkeit, auf der Karl-Marx kaufe ich zweimal im Jahr Schuhe oder eine Hose. Weichselstraße hat eine Bar, da haben wir einst gelesen. Dort hat man meinen Mitlesenden beleidigt, seitdem war ich nicht mehr in dieser Bar. Ich scheine nachtragend zu sein und bin mir darin nicht sympathisch. Ich kann ja verzeihen. Schillerpromenade war wichtig während unserer ersten Corona-Einschränkungen, da trafen wir uns und tranken Bier unter den ewigen Platanen. Tischtennissteinplattengespräche. Das gigantische Feld mit Blick auf den Sonnenuntergangshimmel, unser gemeinsamer Platz unter der Birke bei Wind und Wetter. Ich vermisse die Tische in der Hasenschänke, vermisse das Langhornrind im kleinen Zoo in der Hasenheide, vermisse ein paar Cafés und Bars im Viertel, auch das Syndikat in der Weisestraße, auch wenn sie einen Bekannten von mir dort übel behandelt haben (er trug ein Sakko). Sei’s drum, das Rad dreht sich weiter. Geben wir acht, nicht darunter zu geraten, helfen wir einander, nehmen wir das ernst.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.