Neukölln, eine Art Liebe

Man zieht hier nicht fort – es sei denn, man ist verrückt, will aufs Land oder gründet Familie. Hohe Erfahrungsdichte, eine gewisse Gefährdungsnähe, Unberechenbarkeit. Vor zwanzig oder fünfzehn Jahren noch Absurdistan, gemieden und angespuckt vom Rest der Stadt, der Welt. Wer hier wohnt, hat es nötig oder muß mal usw. Drauftreten, wegwischen, bezichtigen. Boulevardblätter geifern nach, munitionieren den Spießer mit Pauschalangst. Nun Hotspot, seit Jahren schon, langweiliges Kreuzkölln-Gerede, in die Jahre gekommen wie die Hipster, von denen niemand mehr redet. Bald wird man in Neukölln wieder leben können, ohne jene Semantik modischer Zugehörigkeit. Als Neukölln out war, gefiel es mir besser. Wenngleich nichts gut war, alles nur so triefte von Aussichtslosigkeit und Verderben. Es gab hier keine Hoffnung, jedenfalls zeigte sie sich nicht. Das war echt, das war ein Leben am Rande des Sonstwas. Auch ich hatte kein Geld, machte dies, tat jenes. Frei von jeder Romantik. Freunde halfen aus, dann gab es Jobs. Schritt für Schritt das alles, lange her. Was will ich sagen? Seltsam schön hier, will ich sagen. Ich bin gerührt recht oft von dem, was hier stattfindet. Wie wir es schaffen, hier zu sein und uns zu helfen. Armes schönes Neukölln, zerlumpt und neuerdings ausstaffiert. Ich kann hier nicht weg, selbst wenn ich wollte.


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