Multiple Choice

Wahltage sind Festtage der Demokratie – sagte jemand. Mich deprimieren sie zuweilen. — Mit großen Erwartungen betrete ich den Festtag, nehme ein bescheidenes Frühstück ein, bekleide mich straßentauglich und mache mich auf den Weg zum Wahllokal. Es liegt wenige hundert Meter entfernt und ist in einer Schule untergebracht. — Dem Wahlzettel habe ich entnommen, in welches der Klassenzimmer ich zu gehen habe. Seltsam übrigens, eine Schule zu betreten, nachdem man das wieder verlernt hat. Die Flure, die Türen, die Fenster; Fußbodenbelag, Reinigungsmittel, Zettel an Wandbrettern. Die großen Scheiben mit Raubvogelscherenschnitten beklebt, damit die kleinen Vögel dort draußen, frei wie Leben und Tod, nicht durch sie hindurchzufliegen versuchen. — Wir tun unsere staatsbürgerliche Pflicht, nutzen unser Recht auf Mitbestimmung und Delegation. — Joviale Freundlichkeit seitens der Wahlbeisitzer, lässig ausgeübte Strenge hinsichtlich des Datenabgleichs: Wahlbenachrichtigung, Personalausweis, Eintrag in der Liste der Wahlberechtigten. Mit den Wahlzetteln gehe ich zur Wahlkabine und kreuze an, was mir aktuell geboten wird. Ich kenne die Leute nicht, die sich zur Wahl stellen – aber ich könnte sie kennenlernen. Ich mag sie nicht kennenlernen – weiß aber nicht den Grund. — Ich erwarte von ihnen fast nichts, erhoffe nichts, entscheide mich auch nicht für sie. (Das sieht nur so aus oder wird anschließend so interpretiert.) Ich schiebe sie nach vorn, damit sie Schlimmeres verhindern oder mit ihren halbgaren Vorstellungen die roheren Vorhaben der Barbaren unterbinden. — Ich bin kein begeisterter Wähler, aber ich gehe jedesmal wählen. Für das Wahlrecht sind gute und weitblickende Menschen gestorben. Das Wahlrecht ist dafür geschaffen, die Unfähigen abzuwählen. Durch Wahlen werden wir sie los, ohne Wahlen blieben sie endlos. — Nichts davon begeistert mich, es beruhigt lediglich. Beruhigt auf diese zivile Art und Weise, die leicht selbstgefällig und zufrieden macht. Daher mag ich das eingangs gebrachte Zitat nicht – es klingt mir zu bequem und verschweigt das Problem. — Nachdem ich solcherart gewählt habe, verlasse ich das Wahllokal und spaziere herum. Die mir entgegenkommen, haben dieses unmerkliche Leuchten in den Augen – auch sie werden wählen und wollen das! In diesem Leuchten erkenne ich etwas Hohes und Gutes. Die Polis ist Sache des Bürgers, das Gemeinwohl ein kostbares Gut. — Abends dann die Abstraktion: die Säulendiagramme als graphische Untermauerung der Wahlberichterstattung, die auf Resultate aus ist. Wer gewinnt wo wieviele Prozentpunkte. Und so weiter. Am Ende wird daraus ein Ergebnis errechnet, das dieser Partei etwas nimmt und jener etwas gibt. Der Kuchen wird verteilt. In diesem Kuchen stecken unsere Stimmen. Diejenigen, die die Stimmen bekommen, kennen uns nicht einzeln und werden uns nicht einzeln und besonders kennenlernen können. — Ich weiß nicht, was diejenigen, die ich gewählt habe, wirklich wissen oder verstehen. Vor den Kameras sagen sie was und wirken professionell. Okay, das kann man erwarten, das läßt sich lernen. — Irgendwie müssen wir doch all die Posten besetzen, sagt jemand, achselzuckend. Das ist richtig: es sind Räume und Stühle und Arbeitsplätze zu besetzen. — Meine Stimme ist verwertet worden. Daran denke ich, wenn ich abends die Ergebnisse ansehe und die Redner ihrer Fraktionen höre. Sie haben uns eingespeist in ihre Akklamation. — Fällt mir was Besseres ein? Eine Menge sogar, aber dafür müßte zunächst ich mich bequemen, aus der Melancholie und Passivität des lediglich Verhandelten und Behandelten auszutreten.


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