Da stieg einer ein, ganz regulär an einer Haltestation der Vorortbahn. Er hatte nicht den Zug gekapert, keine Scheibe eingeschlagen; er sah nicht schlimm aus (verbrecherisch, gewalttätig, verdächtig). Neben dem Eingang nahm er platz, drehte sich seitwärts, zog ein Smartphone heraus und tippte darauf herum, schaute und las. Ihm gegenüber saß die Frau aus dem Volke (so hätte mein Großvater sie genannt) und schnappte nach Luft und Worten. Denn der Neuzugestiegene trug keine Mund-Nasen-Bedeckung, nicht einmal alibimäßig um den Hals. Bis auf mich und ein paar entfernt Sitzende war der Waggon leer. Ich hörte zunächst Musik, nahm dann die Stöpsel aus den Ohren, denn es lohnte zuzuhören. Es sei eine Unverschämtheit, sagte sie, und es sei unkameradschaftlich, setzte sie nach. Und vieles mehr. Endlich gab sie noch was drauf, stellte Vermutungen an, ob er, der Zugestiegene ohne Maske, nicht wohl ein Einzelkind sei, oder – jetzt griff sie weit aus in ihrer Phantasie – überhaupt geschlechtslos, also einer von denen, die neuerdings nicht wissen, was sie sind. Schließlich stieg sie aus. Ihr Pulver war verschossen, der Angesprochene oder Angebrüllte oder Beleidigte hatte nicht reagiert. Sie zog ihren Einkaufstrolley hinter sich her und verschwand auf dem Bahnsteig. Er saß regungslos, nur ein Daumen wischte über das Display. Woher diese Selbstbeherrschung – selbst wenn er im Unrecht war? Türsteher können das, wenige Security-Leute können das. Von der Statur her hätte er es sein können. Sie war Mitte sechzig, er Ende zwanzig. Sie hätten sich Schöneres sagen können. Aber er wollte nicht sprechen, auch keine Maske tragen. So etwas gibt es. Sie will auch keine Maske tragen, aber tut es. Das tun wir doch alle. Sie empfand sein Verhalten als rücksichtslos. Er aber saß mindestens zwei Meter entfernt von ihr und regte sich nicht. Sie schrie und verteilte trotz Bedeckung ihr Ausgeatmetes. So geht es zu auf der Welt.
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