Lektion des Eisbergs

Sich dem Schönen zuwenden – ja. Schneeflocken und Blütenstaub. Dem Lachen der Kinder, wenn sie die Wirklichkeit richtig herum drehen. Der japanischen Mutter, die mit ihrer Tochter in die U7 steigt und ihr, nachdem sie eine Weile gesessen und miteinander geschwiegen haben, ebenso ernst antwortet, wie die Kleine zuvor eine Frage gestellt hat. Die beiden sind derart fein, daß ich ein Jegliches nach unserer kurzen Zufallsbegegnung als grob und unangemessen empfinde. Auch ich bin ein Teil dieses Unangemessenen. Das beschämt mich. Ich bin den beiden bereits zweimal begegnet, sie steigen mittags in die Bahn. Vielleicht kommt die Kleine von der Schule und die Mutter holt sie ab. Dann fahren sie ein bißchen Bahn und sind später irgendwo zuhause, in einer kleinen Wohnung in irgendeinem Wohnhaus in irgendeinem Stockwerk – denn es ist ganz und gar nicht wichtig, wo das ist. Wichtig ist nur, daß es ist. Folgte ich meinem Empfinden und hätte das nächste Mal den Mut, sie verlegen zu machen, würde ich mich vor den beiden verneigen. Selbstverständlich werde ich das nicht tun. Es ist auch ganz unwahrscheinlich, sie erneut zu sehen. Und es geschieht auch dauernd etwas, von dem immer nur eine Seite weiß, daß es geschehen ist. Wir dürfen uns nicht fortwährend mitteilen. Das Ausgesprochene ruht auf einem riesigen Berg der Verschwiegenheit und des duldenden Schweigens. – Das kann einen verrückt machen, aber auch unendlich beruhigen.


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