Seit ich halbwegs spüren kann, denke ich nach, was Seele sein mag. Auch frage ich, was ein Wesen ausmacht. Da ich es doch bin oder eine habe. Nicht abgetrennt von meiner Existenz, sondern ihr enthalten. Von Aufgaben und Pflichten ganz zu schweigen. Seele ist ein Weiches, das sich einzieht, schon wenn nach ihr gefragt wird; Wesen ist ein Vielfältiges, das Formen zeitigt und verwirft. Mein Wesen – wie könnte ich je darüber sprechen und zu wem? Daß solche Entitäten den neueren Wissenschaften verdächtig sind, läßt sich bequem verstehen. Sie widersetzen sich dem Jagdgesetz. Wissenschaft lauert und stellt das Exemplar, fixiert es und zeichnet die Umrisse, nimmt auch sonst die Maße, protokolliert die Bedingungen. In der Wiederholbarkeit des Experiments und der Vergleichbarkeit der Ergebnisse liegen Sinn und Bedeutung solcher Aufzeichnungswissenschaft, und sie erschöpfen sich damit nahezu. Frei von Geheimnissen zu sein lautet ihre Tugend. Was kann angesichts solcher Befragung und Ausfragung, der Messungen und Evaluierungen, der gewonnenen Größen und Vergleichsdaten – angesichts dieses Überfalls von Expertentum auf ein Schwergreifbares und Sichschützendes, was kann da noch Seele sein oder Wesen, sich als solches behaupten, zermalmt und zerstoßen im Faktentrakt der wissenden Schaften, des schaftenden Wissens. – Schöner Text, fehlt noch das Fragezeichen.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.