Zeitkind

Die Leute wollen Positives hören und lesen – wenn sie es schon nicht selbst zu sehen bekommen. Nur die Zeitungen und die Nachrichtensendungen und alles, was sich auf aktuelle Realität zu beziehen hat, verfügt über eine Lizenz zum Schrecklichen – eine Darstellungserlaubnis im Namen der Neuigkeit. Alles andere, angefangen bei den Kommentaren, tendiert ins Apostolische. Da wird der rechte Weg aufgezeigt, eine Alternative vorgeschlagen, an das Gute im Menschen appelliert usw. Bekenntnisliteratur für den Tag und für die Woche. Glaubensstärkende Prosa, Rationen für die sinnhungrigen Millionen. Dieses wohlmeinend Pädagogische vergiftet auch die Poesie. Als ob der Teufel längst uns ritte, fordert sich die zum Endkampf angetretene Literatur Seitenwahlentscheidungen ab. Sie halst sich Themen auf, die in den Zeitungsspalten, den Abendnachrichten und den politischen Predigten bereits breitgetreten werden. Letzten Ende hüpfen bald alle im selben Matsch. Selbst mich erreicht diese Beanspruchung und Anmaßung der Öffentlichkeit oder des Zeitgeistes oder sonstwelcher Zusammenballung von Wille zur Macht, hier in diesem weiß Gott abseitigen Raum – ich soll helfen und heilen, erbaulich wirken und sonstwas noch. Niemand sagt mir das, aber die Resonanz in mir verweist auf Stimmen oder Wünsche. Kann Einbildung sein oder ein Zeichen sozialer Intelligenz. Nur daß ich etwas völlig anderes schreiben möchte. Mich interessiert der Kampf eines Menschen mit sich selbst: die kämpfenden Einheiten (ihre Herkunft, ihre Ideen); die jeweiligen Strategien; der entscheidende Punkt, auf den der Konflikt zielt. Einfacher und in Fragen: Was trägt sich aus in eines Menschen Herz und Kopf? Welche Leidenschaften geraten in Widerstreit? Wie vermengt sich Inneres mit Äußerem – was ist Veranlagung, was Veranlassung? Letzte Frage: Was bedeutet es, Kind seiner Zeit zu sein? – Wie kommt man da raus?


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