Kritik am Spießer war programmatisch für die Jugend der sechziger und siebziger Jahre. Sie gehörte, nachdem der Protest stilbildend geworden war, zum Standardrepertoire vermeintlich avancierter Rede. Wer den Spießbürger attackierte, fühlte sich der Selbstkritik (angstvoll) entbunden. Das ist heute anders. Es gibt dieses Feindbild nicht mehr, es ist historisch geworden. Die Neueren und Neuesten der Gegenwart und Zeitgeschichte identifizieren mit dem Spießer und der Spießerin Häkeldecken und Gartenzwerg. Daß Spießigkeit für Rückzugsmentalität und gehässig vorgetragene kleinteilige Rechthaberei steht, ist abhanden gekommenes Gesellschaftswissen. In den Kommentarspalten läßt sich der Spießer in seinem Verhaltensmodus derzeit bestens studieren. Er ist kiebig und teilt aus. Ein Grundzug seines unentfalteten Wesens ist die Enttäuschung, und aus ihr heraus fährt er seine Attacken. Die sogenannten sozialen Medien geben ihm fortdauernd Auftrieb. Da er isoliert nicht gedeiht, sind Blütezeiten des Sozialen ohne persönliche Haftung exakt sein Milieu. Nimm ihm sein elendes Rechthaben – dann ist er erledigt.
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