Tage wie Knochenbrot. Scheibe um Scheibe abschneiden. Jede Stunde eine Scheibe. Iß das mal. Ich kann überall hin, nur nicht weit. Bunkermentalität. Ich rede mit Leuten, die ihrerseits verbunkert sind. Das ist nicht „schlimm“, das raubt nur aus. Schlimm sind Kriege, Bombardierungen und Beschuß, Hunger und Flucht, Obdachlosigkeit und Vertreibung, der Tod eines Menschen, den man liebte oder brauchte; schon der Tod eines Haustiers ist schlimm (nicht allein für Kinder). Was wir jetzt durchleben, ist der großen Klage nicht würdig. Die kleine Klage aber darf sein. Da man es uns nimmt, können wir fortan besser schätzen, was das im einzelnen ist. Anderen nahe sein, ein Café besuchen, im Kinosaal sitzen, eine Party veranstalten, tanzen gehen, umarmen, eine Hand halten, eine Haarsträhne aus der Stirn wischen, küssen. Die Familien und die Paare haben das noch, jedenfalls ein bißchen davon. Die Einzelnen müssen sich gedulden und dürfen Erfahrungsberichte verfassen. Bald ist Mai, nur drei Monate bis dahin, zehn Tage dazu. Der Maulwurf gräbt schon mal los, fast schon blind.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.