Es ist kurz nach Sonnenuntergang in Neukölln, als ich aus dem Untergrund steige. In Paaren, Grüppchen und Gruppen stehen die Leute auf der Straße beisammen und reden miteinander. Der erste warme Frühlingstag und eine Lust auf Leben und Liebe. Das führt sie zusammen. Das Leben wird sich nicht einsperren lassen, liebe Exekutivgewalt. Versucht es mit Appellen an die Vernunft und der Androhung von Strafgeldern – es wird nicht funktionieren. Hier leben Menschen und müssen sich begegnen, brauchen einander, haben den Winter überstanden, sind heilfroh. Die Vernunft ist genauso wenig heilig wie die Unvernunft, und die Vernunft ist teilbar, wie wir wissen. „Meine“ Vernunft muß nicht die deine sein – es ist nicht schlimm, nicht einmal bemerkenswert, wenn sie es nicht ist. Wäre es so einfach mit der Vernunft, wie manche behaupten, hätten wir keinerlei Schwierigkeiten mit irgendwas. Wir haben aber dauernd solche, und zwar bei vielen Themen, daß man achtgeben sollte, sich selbst nicht im Besitz derselben zu wähnen. Versteht sich von selbst, wie? Es ist ebenso vernünftig vom Leben, sich zu leben, wie es derzeit vernünftig ist, noch nicht ganz so viel zu leben. Bestimme das Maß selbst, lieber Mensch, guter Nachbar. Man wird bemerkt haben, daß ich niemand bin, der auf Anweisungen von oben wartet. Habe ich noch nie.
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