Es läßt sich eine Menge erforschen und erklären, aber das Wesentliche nicht. Wenn man mich zuende erforscht und auserklärt hat, ist immer noch nicht vermittelt, was oder wer ich eigentlich bin. Das Datenmaterial der beantwortbaren Fragen genügt nicht, auch Erzählungen reichen nicht hin. Anekdoten streifen die Person, Zitate schmücken sie. Ich habe oft versucht, einen Menschen zu beschreiben, und tue es noch. Dabei weiß ich, daß durch Worte ein von meiner Intention abweichendes Bild entsteht. Das Erlebnis fehlt, der unmittelbare Eindruck. Wissenschaftliche Forschungen laufen auf ein Generalisierbares hinaus, das Einzigartige ist als Abweichung notiert oder fällt unter irrelevant. Ich habe hin und wieder mit biometrischen Daten zu tun, aber es ist mir nicht gelungen, aus ihnen einen Menschen zusammenzusetzen. Sie sind gleichsam leer, obwohl sie zutreffen. Noch ärger steht es um das Wunder der Existenz – daß nämlich etwas oder jemand tatsächlich existiert, also anwesend sein kann und wirken. Das haut mich um, das wird nicht selbstverständlich. Vielleicht kann ich mich nicht verständlich machen … An der Universität hatte ich ein folgenreiches Gespräch mit einem Literaturdozenten, dem ich mein Staunen offenbarte darüber, daß zu bestimmten Zeiten bestimmte Phänomene erscheinen und wirksame Kräfte entfalten. Das sei gar nicht geheimnisvoll, gab er zurück, das sei längst erforscht, und er gab einen kurzen Abriß dessen, was erforscht worden war. Verdeckte Rezeptionslinien von Spinoza bis in unsere Zeit (1986). Ich nickte und widersprach nicht, stellte das Erforschte neben mein Staunen und dankte ihm. In der Schule hatten wir einen Biologielehrer, der ein analytischer Kopf war und ausgezeichnet erklären konnte, sehr rational, uns in die einzelnen Denkschritte einbezog, so daß der Unterricht mehr und mehr dazu diente, uns die naturwissenschaftliche Hypothesenbildung zu erschließen. Wir waren Teil eines Abenteuers. Ich erinnere mich an einen Satz von ihm: Wir Naturwissenschaftler können nur die Fragen nach dem Wie und dem Wozu beantworten, die Frage nach dem Warum ist anderen Disziplinen überlassen. In diesem Sinn bin ich den anderen Disziplinen verpflichtet, sofern sie mir helfen können bei meinen unmöglichen Fragen.
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