„[ …] Tag für Tag werden statistische Kennzahlen gemessen, ständig Inzidenzen und R-Werte aktualisiert, und wie Hunde hecheln wir diesen Kurven hinterher. Viel zu selten halten wir inne und hinterfragen das Unhinterfragte – wenn man etwa versucht, uns immer wieder auf morgen zu vertrösten und uns einzureden, es brauchte nur Geduld. Ein derart effizientes Virus lässt sich nicht einfach aus der Welt zaubern, auch nicht mit Impfungen, sondern es wird uns langfristig herausfordern. Was aber bedeutet das?
Es bedeutet nichts anderes, als dass wir damit leben müssen, dass unser Leben von Krankheit und Sterblichkeit bedroht ist. Hier sind wir nun beim ethischen Kern eines verfehlten Umgangs mit Corona: Der Wert des Lebensschutzes wird als absoluter Wert missverstanden, und er wird reduziert auf das blosse biologische Überleben. Beim Wert des Lebens geht es aber niemals nur darum, dass wir überleben (oder genauer: wie lange), sondern auch darum, wie wir weiterleben – Lebensziele verfolgen, Sinn stiften, Werte realisieren. Es wäre widersprüchlich, Leben dadurch retten zu wollen, dass man die Grundlagen der Werthaltigkeit von Leben zerstört.
Zum Begriff eines gelingenden, reichhaltigen Lebens gehört noch ein Weiteres: nämlich Risiken zu wagen. Das regressive Sicherheitsstreben unserer Gesellschaft wird durch die Pandemie auf eine absurde Spitze getrieben. Auf einmal streben wir ein Sicherheitsniveau an, das bisher in vielen anderen Bereichen täglichen Lebens noch nicht annähernd ernsthaft erwogen wurde. […]“
Ralf Jox, Leben wagen: Warum die Angst ein schlechter Ratgeber in der Corona-Krise ist, NZZ, 22.4.2021
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